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| John Rae - Zeitgenössisches Altersbild (Frontispiz aus einer Buchveröffentlichung) |
Auf dem europäischen Kontinent kennt ihn keiner, in England wurde die Erinnerung an ihn systematisch unterdrückt, so weitgehend, dass er selbst in Schottland und in seiner Heimat Orkney weitestgehend in Vergessenheit geriet. Gefeiert wird er nur auf dem nordamerikanischen Kontinent, zählte in Kanada gar zu den Top 100 bedeutendsten Leuten des letzten Jahrtausends: Die Rede ist von Dr John Rae, Arzt und Arctic Explorer.
John wurde am 30. September 1813 als 6. Mitglied einer später insgesamt neunköpfigen Familie geboren. Während im übrigen Orkney die wirtschaftlich schlechtesten Zeiten seit Menschengedenken herrschten und viele Familien nicht nur am sprichwörtlichen "Hungertuch" nagten, ging es der Familie Rae vergleichsweise gut: Der Vater, John Rae Senior, war der Verwalter des Orkney Estates von Sir William Honeyman, einem der reichsten Schotten der Zeit mit einem der größten Güter auf Orkney.
Doch statt das wohlbehütete Leben in seinem Geburtshaus, der Hall of Clestrain/Ireland, zu genießen, zog es schon den jungen John hinaus in die freie Natur: Segeln und klettern, jagen und fischen gehörten zu den Vergnügen, die ihm eine gesunde Physis verliehen und die ihn - wie er später selbst bekundete - für das Leben in der amerikanischen Wildnis abgehärtet haben.
1819 übernahm der Vater eine Stellung als Orkney Agent der Hudson's Bay Company (HBC). Oft begleitete der Junge den Vater ins Büro der Company, segelte mit ihm über die Bucht nach Stromness, wo er die Schiffe der Company bewunderte. Diese bunkerten hier zum letzten Mal auf britischen Boden Proviant und Trinkwasser, bevor sie sich nach den überseeischen Gebieten der Company in Nordamerika aufbrachen.
Die "wilden Jahre"
John Rae besuchte die Schule in Stromness, ging dann nach Edinburgh und studierte dort Medizin. 1833, kurz nachdem er die Ausbildung zum "surgeon" abgeschlossen hatte, heuerte er für eine Saison als Schiffsarzt auf der Prince of Wales an. Doch auf dem Weg zur kanadischen Niederlassung Moose Factory geriet das Schiff in der James Bay ungewöhnlich früh in Packeis. Die Besatzung überwinterte auf der einsamen, kaum Schutz bietenden Insel Charlton Island - John Rae machte hier seine ersten Erfahrungen mit den harten Lebensbedingungen im Nor' Wast.
Trotz aller Widrigkeiten war Rae schnell fasziniert von dieser "wild sort of life to be found in the Hudson's Bay Company service". Durch sein umsichtiges Handeln als Arzt und junges, aber führendes Mannschaftsmitglied während der erzwungenen Überwinterung empfahl ihn dem Govenor der Company. Die Company bot ihm einen 5-Jahresvertrag, Rae akzeptierte 2 Jahre, schließlich wurden daraus 10 Jahre als Stationsarzt in der Niederlassung Moose Factory. Es war wohl weniger die Tätigkeit als Arzt als vielmehr die Möglichkeit, hier ungestört als Naturwissenschaftler arbeiten und den noch weitgehend unbekannten Norden des amerikanischen Kontinents entdecken zu können.
Wie ein "williger Student" ließ er sich auf die Natur und die Eingeborenen seiner neuen Heimat ein. Im ständigen Erfahrungsaustausch mit den benachbarten Cree Indianern erlernte er die Jagd auf die Karibus und die Methoden der Indianer, das Fleisch als Vorrat für die langen Wintermonate zu konservieren. Von ihnen übernahm er auch den Schneeschuh und entwickelte ihn zu dem Grundtyp, der bis heute von allen Trappern und Fallenstellern in Nordamerika benutzt wird. Von den benachbarten Inuit erlernte er ihre Techniken des Schlittenbaus, vor allem aber den Bau ihrer Schutzbrillen gegen Schneeblindheit und die Technik des Iglubaus. Mit großem Respekt vor den Leistungen der Einheimischen veröffentlichte er seine Erfahrungen und wurde schnell zu der Autorität in Sachen "Reise- und Überlebenstechniken" im unwirtlichen Norden Amerikas. Diese Nähe zu den "Wilden", vor allem aber auch seine Angewohnheit, sich bei seinen Überlandeinsätzen in der traditionellen Weise der Eingeborenen zu kleiden, machte ihn bei etlichen seiner Landsleute zugleich aber auch "suspekt"
Ohne es zu ahnen, lieferte er seinen späteren Widersachern damit die Munition für heftige Attacken gegen seine Person. Die Eingeborenen dagegen achteten seine Leistungen und feierten ihn als den besten Schneeschuhläufer aller Zeiten. Weihnachten 1843 erhielt er von Sir George Simpson, dem Govenor der Hudson's Bay Company, den Auftrag, die Nordküsten Kanadas zu kartieren und - wenn irgend möglich - die Durchfahrt der Nord-West Passage, den "Heiligen Gral der Artik-Forschung des 19. Jahrhunderts" für die Company zu entdecken. Zur Vorbereitung lief Rae die eben mal 700 Meilen nach Moose Factory auf Schneeschuhen zurück. Ein Gewaltmarsch über mehr als 1200 Meilen während der folgenden 1844/45 Expedition brachte ihn bei den Inuit den Beinamen Aglooka ein: Der, der große Schritte macht - ein Name der noch heute an den winterlichen Lagerfeuern der Inuit die Runde macht.
Die Hudson's Bay Company wusste auch in den Folgejahren, seine Fähigkeiten zu nutzen. Angesichts seiner Zähigkeit und Überlebenstechniken beauftragte sie ihn, nach Norden zu gehen und die weißen Flecken entlang der unbekannten Küste der Melville Halbinsel und in benachbarten Territorien zu erkunden. Doch bevor er aufbrach, ging Rae noch einmal nach Toronto, um sich in Astronomie und Navigation weiterzubilden. 1846 brach er dann auf, querte den später nach ihm benannten Rae's Isthmus, erforschte entlang der Eiskante die Westküste der Melville Halbinsel und überwinterte an der Küste der Repulse Bay.
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| Rae bei der Landung in Repulse Bay und im Kreise einheimischer Inuit-Informanten, die ihm vom Schicksal der Franklin Expedition berichten; zeitgenössische, künstlerisch aber frei gestaltete Darstellungen von Charles Comfort. |
Die Expedition endete - für die Zeit absolut unüblich - ohne Probleme oder gar Verluste: Rae hatte darauf bestanden, dass während seiner Fortbildung in Toronto seine Mannschaft von Einheimischen in "Survival"-Techniken der Inuit trainiert wurde. Sie wussten, wie Iglus zu bauen waren, beherrschten die Angel- und Jagdtechniken der Eingeborenen, hatten für die Querung von Gewässern sogar neu entwickelte Faltboote nach Art der Inuit dabei, konnten ihre Kleidung und Schuhe aus den Fellen ihrer Jagdbeute immer in einwandfreiem Zustand erhalten.
Längst arbeitete Rae nur noch "nebenberuflich" als Mediziner im Auftrag der Company. Er war zum wichtigsten Entdecker und Erkunder geworden. Im Herbst 1849 übernahm er konsequenterweise die Leitung über den noch weitgehend unerschlossenen Mackenzie River District der Company und übersiedelte nach Fort Simpson.
Rae und die Franklin Expedition
Es sollte nicht lange dauern und Rae geriet in den Sog der Ereignisse um das Verschwinden der Franklin Expedition. Raer-Admiral Franklin, ein erfahrener aber glückloser Polarforscher, der schon bei seiner ersten Expedition die halbe Besatzung hatte verhungern sehen, war 1845 von Stromness aus aufgebrochen, um die Nord-West-Passage vom Atlantik in den Pazifik zu suchen. Von seinen beiden Schiffen HMS Erebus und HMS Terror und 129 Mann Besatzung gab es seit zwei Jahren kein Lebenszeichen. Daraufhin startete die Royal Navy eine der größten Suchaktionen in der Geschichte der Polarforschung, der in den kommenden 10 Jahren mehr als 40 weitere Suchexpeditionen folgen sollten.
Befehlshaber des Royal Navy Kommandos war Rear-Admiral Sir John Richardson, der den Zivilisten Rae als seinen Stellvertreter anforderte. Die Hudson's Bay Company stellte Rae frei, der in den folgenden Sommern und Wintern zwei vergebliche Suchaktionen auf dem Festland leitete.
Danach kehrte Rae zu seinen eigentlichen Aufgaben zur Erforschung und Kartierung des unbekannten kanadischen Nordens zurück, verfolgte dabei aber weiterhin alle Spuren, die auf Franklin und das Verschwinden seiner Expedition hinzuweisen schienen. Im Zuge dieser Arbeiten entdeckte er zwei Dinge: Zwei offensichtlich mechanisch bearbeitete Holzstücke, die von einem der Franklinschiffe stammen musste und das letzte, fehlende Stück der Nord-West-Passage beim Point de la Guiche an der heute nach ihm benannten Rae Strait, das Franklin ganz offensichtlich an falscher Stelle gesucht hatte.
Erst 1854 stellte Rae seine weitere Suche nach Franklin ein. Inuits hatten ihm im April des Jahres berichtet, dass einheimische Seehundjäger vier Jahre zuvor einen Trupp von etwa 40 weißen Männern gesichtet hatten, der ein Boot und Schlitten hinter sich herziehend, sich an der Westküste von King William Island entlangkämpfte. Die Männer verstanden die Sprache der Inuit nicht, machten aber durch Handzeichen verständlich, dass ihre Schiffe vom Eis zerstört worden waren. Die offensichtlich schon stark angeschlagenen Männer erwarben die karge Jagdbeute der Inuit und zogen weiter. Einige Zeit später aber noch vor dem Eisaufbruch in diesem Jahr hatten andere Inuits etwa 30 Leichen und einige Gräber entdeckt.
Rae schloss daraus, dass die letzten Reste der Expeditionsmannschaft im Winter 1850 verhungert sein mussten, nachdem das Eis im Jahr davor ihre Schiffe vernichtet hatte.
Einige der Gräber lagen auf dem Festland, andere auf einer Insel in einem großen Fluss, der bei den Inuit Out-koo-hi-ca-lik, The Great Fish River (heute Backriver) genannt wurde; eine, wie Rae notierte, "verdammt lange Tagesreise" nördlich des Ortes, an dem er die Inuits getroffen hatte.
Ferner notierte er: "Einige Leichen wurden beerdigt (wahrscheinlich die ersten Opfer des Hungers), einige lagen in einem Zelt (in Zelten), wieder andere unter dem Boot, das kieloben auf dem Land lag, um Schutz vor dem Wetter zu bieten, wieder andere lagen kreuz und quer in alle Richtungen verstreut auf dem Boden herum." Rae fügte seinen Notizen die Aussage der Inuit hinzu: "Aufgrund der Verstümmelungen vieler Leichen und der Befunde in einigen Töpfen ist es offensichtlich, dass unsere geschundenen Landsleute am Ende ihrer Tage zum Kannibalismus gezwungen waren, um eine letzte Überlebenschance zu wahren."
Später im Jahr kehrte Rae zu den Inuits zurück und erwarb einige Stücke aus dem ehemaligen Besitz von Expeditionsmitgliedern, die die Inuits am Schauplatz des Todeskampfes der letzten Expeditionsmitglieder aufgesammelt hatten: Mit Namen und Initialen versehene Besteckteile und Uhren, die als Beweisstücke für das tragische Ende der Franklin Expedition dienen sollten. Die Sicherheit, dass Franklin tot war, belegten zwei Fundstücke: Eine runde Silberplatte mit der Inschrift "Sir John Franklin KCH" und das zu den Buchstaben KCH (Knight Commander Hanoverian Order) passende Ordenskreuz mit dem Motto 'nec aspera terrent' - Franklin war der einzige Träger dieses Ordens unter den Expeditionsmitgliedern und hätte diese hohe Auszeichnung nie ohne Not aus der Hand gegeben.
Aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen vertraute Rae den Berichten der Inuits voll und ganz. Er verzichtete darum auch auf einen Besuch des Todeslagers, zumal sich die Inuits weigerten, ihn angesichts der fortgeschrittenen Jahreszeit und der Gefahren in besagtem Sumpfland auf dem 10 bis 12 Tage dauernden Marsch zu führen.
Diesen "Fehler" warf man ihm vor, als Raes Bericht in England bekannt wurde. In diesem Bericht führte er wahrheitsgemäß auch die Hinweise auf den Kannibalismus auf, eine für das viktorianische England unvorstellbare Tatsache, deren bloße Erwähnung den Autor zu einen verdammten, verachtungswürdigen "Doktor der Wilden" abstempelte.
Verachtet, verdrängt, vergessen
Sofort mit Erscheinen des Berichtes begannen die Angriffe des Establishments, das Raes Integrität vorbehaltlos in Frage stellte. Wie konnte es so ein "dahergelaufener" Zivilist, der sich kleidete wie die nordamerikanischen Eingeborenen und sich mit den kanadischen Wilden verbrüderte, es nur wagen, die Welt Glauben machen zu wollen, dass die Angehörigen der Royal Navy Kannibalismus praktiziert oder auch nur geduldet hätten. Schlimmer noch, wie konnte man dies ausschließlich gestützt auf die aus zweiter Hand erhaltenen Berichte von wilden Eingeborenen auch nur als Vermutung äußern!
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Nachdruck der kanadische Erstveröffentlichung von Raes Report über den Verbleib der Franklin Expedition mit Vorwort des Montreal Herald vom 21. Oktober 1854 und Begleitbrief des HBC-Governors G. Simpson an den "Albion", New York. Um die Lesbarkeit des Scans des schon im Original mäßigen Zeitungsdrucks zu erhalten, haben wir das Bild so groß wie eben möglich gelassen und den im Original 2 spaltigen Druck auf eine Spalte umgeschnitten. Die Bilddatei hat knapp 200KB!
Besonders giftig waren die Angriffe von Lady Jane Franklin. Sie hatte jahrelang in Stromness/Orkney auf eine Nachricht von ihrem Mann gewartet und sah nun den Ruf des vermeintlichen Entdeckers der Nord-West-Passage gefährdet. An ihrer Seite standen vor allem befreundete Kreise der Admiralität und der damals schon bekannte Schriftsteller Charles Dickens, der als Sprachrohr des Establishments eine öffentliche Pressediskussion anzettelte. Dabei war sein einziges Argument: "Es kann nicht sein, dass zivilisierte Engländer, namentlich verdiente Angehörige der britischen Royal Navy sich so verhalten haben."
Was nicht sein darf, das nicht sein kann...
Dickens nutzte für die Propaganda nicht nur sein eigenes renomiertes Magazin Household Words, sondern polemisierte auch in der Times, lancierte Artikel in der Illustrated London News.
Bis auf eine Stellungnahme in der Times verweigerte Rae die öffentliche Diskussion. Der Arctic Fox, wie er inzwischen teils verächtlich, teils bewundernd genannt wurde, stand aber gegenüber der Navy, seinem Arbeitgeber Hudson's Bay Company und der Royal Geographic Society ohne jeden Abstrich zu seinem Bericht und zur Glaubwürdigkeit seiner Informanten, insbesondere des Inuits In-nook-poo-zhee-jook.
Unter vier Augen stimmten alle Experten Raes Urteil zu, öffentlich distanzierten sie sich von ihm. Nach langen Diskussionen und schließlich persönlichen Vortrag vor der Krone bestätigten die Fachleute der Navy und der Royal Geographic Society Raes Bericht. Rae erhielt die von der Admiralität ausgelobte Belohnung von 10.000 britischen Pfund (damals deutlich mehr als 100.000 US Dollar) für die Aufklärung des Schicksals der Franklin Expedition.
Lady Franklin war außer sich und versuchte mit allen Mitteln und unter Berufung auf höchst dubiose Wissenschaftler, die Zahlung der Belohnung wie auch Raes Auszeichnungen als Wissenschaftler rückgängig zu machen. Schließlich schickte sie auf eigene Kosten einen neuerlichen Suchtrupp unter der Leitung von Sir Francis McClintock los. Dieser fand 1857 das letzte Lager, bestätigte aufgrund eigenen Augenscheins Raes Bericht in allen Details einschließlich der Kannibalismusvermutung aufgrund von Schnittspuren an den verstreut liegenden Skeletten. Bei Point Victory an der Nordwestküste von King William Island fand der Trupp im Mai 1859 schließlich eine vom stellvertretenden Expeditions-Kommandeur, Leutnant Crozier, 11 Jahre zuvor unter Steinen hinterlegte Nachricht, dass Sir James Franklin als 25. Expeditionsmitglied bereits am 11 Juni 1847 verstorben war.
Prinzipiell war Rae damit voll inhaltlich bestätigt, aber die neue Sachlage änderte nichts mehr daran, dass sein Ansehen in der Öffentlichkeit schwer beschädigt war. Wirtschaftlich durch die erhaltene Belohnung doch noch etwas abgesichert (insgesamt hat er gut das Fünffache aus Eigenmitteln in die Suche nach Franklin investiert), hatte Rae bereits 1856 seinen Dienst bei der Company quittiert, ohne aber seine Forschungstätigkeit aufzugeben. Er wertete seine Forschungen systematisch aus, führte kleinere Expeditionen durch und schuf die Darstellung von der Topographie des kanadischen Nordens, die bis ins Zeitalter der Satellitenvermessung Bestand haben sollte - ohne dass er je groß als "geistiger Vater" der neuen Karten genannt worden war.
Als die Verlegung eines direkt zwischen England und den USA verlaufenden Telegraphie-Kabels gescheitert war, schlug er die dann erfolgreich realisierte Verbindung der Kabelstrecke von Schottland über die Färöer und Grönland nach Nordamerika vor und erkundete die Trassenführung des Kabels auf dem amerikanischen Kontinent. 1884 akzeptierte er einen Auftrag seines früheren Arbeitgebers Hudson's Bay Company und der Western Telegraph Union Company zur Erkundung einer Telegraphenstrecke von Sibirien durch die Bering Straße nach Alaska und British Columbia. Er selbst übernahm dabei den Streckenabschnitt für das geplante Baulos vom Red River nach Victoria und an die Pazifikküste entlang der so genannten Nordtrasse.
Die Verbindung wurde später nicht auf der Nordroute sondern weiter südlich parallel zur Eisenbahnstrecke realisiert, aber Raes Informationen - er hatte z.B. im Alleingang in einem Einbaum fast den gesamten Fraser River befahren - lieferten über Jahrzehnte die einzige verlässliche Informationsquelle zur Erschließung des kanadischen Westens.
Trotzdem geriet er im Nachgang der Franklin "Affäre" im öffentlichen Bewusstsein mehr und mehr in Vergessenheit, fand in die Geschichtsbücher gar nicht erst Eingang. Franklin und seine Offiziere wurden posthum geadelt, eine Ehre die Rae als einzigem der bedeutenden Polarforscher unbeschadet aller akademischen Auszeichnungen wie Ehrendoktortiteln (1880 LL.D University Edinburgh, MD McGill University Montreal) verwehrt blieb.
Rae starb am 22. Juli 1893 80-jährig in London, wurde später auf dem Friedhof der St Magnus Cathedral in Kirkwall bestattet. Ein bescheidenes Kreuz markiert sein Grab, während angesichts des prachtvollen Grabmonuments in der Kathedrale Orkadier und Touristen fragen: "Wer war denn das?"
Beinahe 15 Jahre nach seinem Tod bestätigte ihn der norwegische Polarforscher Amundsen als den wahren Entdecker der Nord-West-Passage. Amundsen wählte nicht nur Raes Strecke und kam durch, sondern er kopierte auch mit nachhaltigem Erfolg Raes Vorbild hinsichtlich des Verhaltens in den Polarregionen: Möglichst kleine, bestens ausgebildete Mannschaften, die sich in allen Äußerlichkeiten angefangen von der Kleidung, über die Unterkünfte und den Gebrauch der Schlittenhunde bis hin zur Verpflegung aus natürlich vorkommenden Ressourcen an den Vorbildern der eingeborenen Inuits orientierten.
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| Raes Grabmonument im Chor der St Magnus Cathedral, Kirkwall/Orkney |
Raes Expeditionen, Leistungen und Wirkung
Bis 1845: Erkundungen des Gebiets rund um Moose Factory, naturkundliche Beobachtungen und Entdeckung einer bis dahin unbekannten, kleineren Seehundart.
1846/47: Erste große Expedition im Auftrag der Hudson's Bay Company an die Nordküste westlich Fury und Hecla Straits bis zum Boothia Isthmus; Überwinterung bei Repulse Bay, 635 Meilen Küstenlinie, kartiert.
1848/49: Zweite Expedition. Suche nach Franklin mit Richardson im Auftrag der Admirality, Küste zwischen Mackenzie River und Coppermine River abgesucht und teilweise kartiert.
1851: Dritte Expedition; im Auftrag der Company Kartierungen der West-, Süd- und Ostküsten von Victoria Island und Wollaston "Island", ca 630 Meilen Küstenlinie; Fund der ersten Hinweise auf die Franklin Expedition (Holzstücke).
1852: Erhielt Rae für seine bisherigen Forschungen die "Goldene Gründer-Medallie der Royal Geographical Society", die damals weltweit anerkannt höchste Auszeichnung für Geowissenschaftler und Entdecker.
1853-54: Vierte Expedition; Restarbeiten an der Westküste Boothia und im Bereich der Repulse Bay; insgesamt 1100 Meilen Küstenlinie kartiert; Aufklärung des Schicksals der Franklin Expedition.
Allein auf den vorstehend genannten 4 großen Expeditionen hat Rae über 21000 Meilen zu Fuß bewältig; umgerechnet auf die im Jahr verfügbare Zeit sind das etwa 500 Meilen im Monat - überwiegend auf Schneeschuhen, durch ungebahntes Gelände, mit Gepäck, Jagd-Kilometer nicht gerechnet. Dabei hat er rund 3.000 Meilen Küstenlinie erstmalig kartiert und ca. noch einmal soviel bereits erfasste Meilen kontrolliert und korrigiert. Ein halbes Dutzend "bekannter" Inseln entpuppte sich dabei als tatsächliche Halbinseln, nicht ganz so viele Halbinseln als Inseln. Er gab damit dem kanadischen Norden ein vollkommen neues Gesicht.
ab 1860: Erkundung der kontinentalen Trassenführung für das transatlantische Telegraphen-Kabel aus verschiedenen Ecken Neufundlands und Labradors bis zur US-Grenze.
Die Anbindung ans Kommunikationsnetz des alten Europas war eine - wenn nicht gar die - entscheidende Voraussetzung für die nachfolgend einsetzende, positive wirtschaftliche Entwicklung auf dem neuen Kontinent. Sie war allerdings gleichzeitig die Ursache dafür, dass die alten wirtschaftlichen Mächte wie die Hundson's Bay Company selbst ihr bis dahin bestehendes Kommunikationsmonopol einbüßten.
ab 1864: Erkundung der geplanten transkontinentalen Telegraphenstrecke nach Sibirien. Von Winnipeg zu Fuß vorbei am Großen Sklavensee, durch die Rocky Mountains ins Quellgebiet des Frazer Rivers und Befahrung des Flusses bis zur Mündung bei Vancouver.
The California Gold Rush war in vollem Gange und HBC nutzte Raes Weg zu den neugegründeten Niederlassungen an der amerikanischen Westküste. Als wenige Jahre später der Alaska Gold Rush zuerst am Klondyke, dann am Yukon, losbrach, waren Raes Wegebeschreibungen durch die nördlichen Rocky Mountains die einzige Informationsquelle für Tausende von Glücksrittern, um halbwegs sicher auf der Nordtrasse den Weg aus den kanadischen Territories nach Vancouver und an die Küste zu finden. Vor allem Zig-Tausende, die sich die Seepassage von den "bequem" zu erreichenden Häfen Californiens nach Alaska nicht leisten konnten, folgten seinen Spuren durch die Rocky Mountains.
Anders als viele bekanntere Zeitgenossen war Rae nicht einfach Entdeckungsreisender, schon gar nicht Abenteurer. Er war vielmehr - wie man heute formulieren würde - ein "angewandt arbeitender Geowissenschaftler", immer auf der Suche nach neuen Wegen zur Erschließung der Rohstoffreserven, auf der Suche nach neuen Standorten für Niederlassungen der Company. Die Suche nach der Nord-West-Passage war für ihn weder ein romantisches Unterfangen noch wissenschaftliches Ziel. Als er auf seiner ersten Expedition erkannte, dass die Passage angesichts der technischen Möglichkeiten der Zeit keinen dauerhaft und sicher nutzbaren Transportweg bieten würde, war für ihn das Thema abgearbeitet. Dass er sie dann doch fand, war ein willkommenes Nebenprodukt beim Versuch, den maximal nutzbaren Wirtschaftsraum für die Company abzustecken und dessen Grenzen genau zu verzeichnen.
An den Namen des schottischen Polarforschers erinnern in Kanada bis heute: Eine Stadt, eine Insel, eine Landenge, ein See, zwei kleinere Halbinseln bzw. Headlands, ein Fluss, eine Meeresstraße, diverse universitäre Lehrstühle, ein renomierter Förderpreis für den wirtschaftswissenschaftlichen Nachwuchs, ungezählte Schulen und Straßen. In Schottland, genauer gesagt in Orkney, hat man gerade sein verfallenes Geburtshaus "wiederentdeckt", das zu einem Boots- und Schiffahrtsmuseum ausgebaut werden soll.
Ach ja, wenn wir heute im "Fachsortiment" unserer Lebensmittelmärkte "kanadischen Wildreis" entdecken: Rae hat die praktischen schwarzen Grassamen, die man nach Art der Indianer nicht einmal kochen muss, sondern über Nacht in etwas Wasser "gar" quellen lassen kann - und ihren Nährwert als erster "weißer Mann" erkannt und sich auf seinen Expeditionen nutzbar gemacht!
Literaturhinweise:
John Rae: Narrative of an Expedition to the Shores of the Arctic Sea in 1846 and 1847 (1850/reprint 1970 by Canadia House).
Robert L. Richards: Dr. John Rae. (1985 Caedmon of Whitby)
C. Stuart Houston: Dr. John Rae: The Most Efficient Arctic Explorer." Annals RCPSC, Vol 20, No. 3, pp. 225-228, May 1987
K. McGoogan: Fatal Passage: The Story of John Rae, the Arctic Hero Time Forgot (2002 Harper Canada).
(tsp/ws)
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