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Geschichte Berühmtheiten |
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| David Steuart Erskine, 11th Earl of Buchan & The Caledonian Temple of Fame |
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In den zwei Jahrhunderten nach der Reformation von 1560 verfielen die Ruinen der Dryburgh Abbey zunehmend und das sie umgebende Gelände verwilderte mehr und mehr. Doch genau diese wild romantische Erscheinung mit einem leichten Touch von Morbidität wurde zur Schlüsselinspiration für den neuen Grundbesitzer David Steuart Erskine, 11th Earl of Buchan.
Erskine wurde am 1. Juni 1742 als Sohn einer der führenden Juristenfamilien des Landes geboren. Nach dem Studium an der Universität Glasgow absolvierte er einen kurzen Militärdienst, bevor er beschloss, sich im diplomatischen Dienst zu engagieren.
Dem politischen Ziehkind des schon zu Lebzeiten legendären Politikers William Pitt, dem späteren Lord Privy Seal, Secretary of State und 1st Lord Chatham, hätte eine glänzende Karriere bevorgestanden. Doch Erskine, Lord Cardross, der er als Heir to the Earldom of Buchan war, zog es vor, den ihm angebotenen Posten eines 1. Sekretärs der Botschaft in Madrid gar nicht erst anzutreten. Offiziell ließ er verlauten, weil sein Vater, der Earl of Buchan, inzwischen ernsthaft erkrankt war. Doch wohl eher den Tatsachen entsprechen dürfte die Begründung, dass er nicht bereit und Willens war, unter einem im sozialen Rang nachgeordneten Beamten wie Sir James Gray, dem britischen Botschafter in Spanien, zu dienen.
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| David Steuart Erskine in jungen Jahren als Lord Cardross. Portrait eines unbekannten Kopisten nach einem Original von Sir Joshua Reynolds oder einem das Original zitierenden, weit verbreitenden Stich des John Finlayson von 1765. |
Erskines Verhalten löste eine heftige gesellschaftliche Diskussion aus, die ihn aber nicht weiter kümmerte. Umso mehr nutzte er den Tod des Vaters, dessen Beerdigung er mit Ernst und Würde zu einem der größten gesellschaftlichen Ereignisse inszenierte, um sich selbst ins rechte Licht zu setzen. Prompt geriet er unter den Einfluss von Lady Selina, Countess of Huntingdon (1707-1791), 'God's finest gift to England' wie sie auch von ihren Zeitgenossen genannt wurde, deren religiös geprägter, handverlesener Kreis aus den Spitzen der britischen Gesellschaft sich sofort des jungen Lords annahm. Zum illustren Kreis der Kapläne, die sich um Erskine kümmerten, zählte bald auch der geistige Kopf der Bewegung, John Wesley. Dieser wanderte in die jungen Vereinigten Staaten aus und wurde erst zum Gründungsvater der Methodisten, dann zum Vorläufer der ökumenischen Bewegung.
1771 zog Erskine sich auf sein Landgut in Linlithgowshire zurück. Die Zeichen der Zeit richtig deutend, sah er die kommende, massive Industrialisierung und Verstädterung voraus. Er setzte auf die steigenden Anforderungen an die Leistungskraft der Landwirtschaft zur Versorgung der Bevölkerung und leitete auf seinen Besitzungen zahlreiche Reformen ein. Besonders erfolgreich war er als Viehzüchter. Man könnte ihn ohne allzu große Übertreibungen als Pionier einer modernen, auf Wirtschaftlichkeit zielenden dabei aber ökologisch orientierten Massentierhaltung bezeichnen.
Wer aber glaubte, dass er sich nun als erfolgreicher und anerkannter Landedelmann zur Ruhe setzt, wurde schnell eines Besseren belehrt. Erskine rief eine Opposition des schottischen Adels gegen das Londoner Parlament in Westminster ins Leben. Insbesondere agitierte er heftigst gegen das Verfahren, nach dem die 16 schottischen Parlamentssitze in Westminster vergeben wurden. Quasi im Alleingang setzte er durch, dass die übliche Absegnung einer Vorschlagsliste der britischen Regierung durch eine freie Wahl unter den Wählbaren und Wahlberechtigten namentlich des schottischen Adels abgelöst wurde.
Erskine frönte den Wissenschaften und Künsten, wie es unter den Adligen seinerzeit üblich war - vorausgesetzt, man brachte wie er selbst den dazu nötigen Intellekt mit. Durch jahrelanges Eigenstudium war er inzwischen zu einem ausgewiesenen Experten für mittelalterliche Architektur, speziell des mittelalterlichen Kirchenbaus in Schottland geworden. Seinen Studien und den von ihm angeregten Restaurierungen verdanken fast alle mittelalterlichen Dorfkirchen der heutigen Region Scottish Borders und etliche außerhalb davon, dass sie bis heute überdauern konnten.
Aus der sicheren Deckung des honorigen Landadligen heraus, gedeckt auch durch seine inzwischen erlangte Reputation als Wissenschaftler und intellektueller Schöngeist, trieb er aber immer wieder seinen Schabernack mit der etablierten schottischen Gesellschaft. Sein Meisterstück in dieser Hinsicht war das im besten Sinne des Wortes "Patronat" für eine junge Frau, die der Nachwelt als James Miranda Barry bekannt wurde. Erskine schleuste sie als Mann in die Universität von Edinburgh ein, finanzierte ihr Medizinstudium bis zum Abschluss im Jahre 1812. Sie war - für die Zeit offiziell vollkommen unvorstellbar - die erste Medizinerin in Großbritannien. Erskine sorgte mit seinen gesellschaftlichen Verbindungen dafür, dass sie unbehelligt eine blendende Karriere im Sanitätsdienst der königlich britischen Armee starten konnte. Sie lebte den Rest ihres Lebens in der Welt der Offizierskasinos, flirtete und liebte sich durch die Teesalons der Offiziersgattinnen - sie schlug sich auch mal im Duell. Am Ende der Karriere sehen wir sie als einen der ranghöchsten Sanitätsoffiziere der britischen Armee, als Inspector General of Hospitals, der das Geheimnis um seine wirkliche Existenz erst nach dem Tode preisgibt. Deutlicher, als Barry es mit Erskines tatkräftiger Unterstützung gewagt hatte, ließ sich zu der Zeit der geltende gesellschaftliche Wertekanon nicht ad absurdum führen.
1780 sehen wir Erskine unter den Gründungsvätern der Society of Antiquaries in Edinburgh, der ältesten schottischen Organisation, die sich so modernen Fragen wie der des Denkmalschutzes und der Bodendenkmalpflege annahm. Erskine selbst trug mit mehreren Abhandlungen zum ersten Band der wissenschaftlichen Berichte der Gesellschaft bei, der unter dem Reihentitel 'Transactions' erschien. Mit rasch wachsenden Aufgabenstellungen gingen später aus der Gesellschaft die für die Pflege des schottischen Kulturerbes so bedeutenden Verwaltungen und öffentlich-rechtlichen Organisationen hervor wie Royal Commission on the Ancient and Historical Monuments (RCAHM ) und Historic Scotland. In der öffentlichen Breitenwirkung trug die Gesellschaft wesentlich zur Schaffung eines historischen Bewusstseins um Schottlands reiches kulturelles Erbe bei. Dadurch bildete sich letztlich ein "Förderklima", in dem es zu zahllosen Stiftungen kam, die heute unter dem Dach der großen privaten Nationalstiftung zusammengeführt sind: The National Trust for Scotland.
David Steuart Erskine war - wie das "u" in der von ihm gewählten Schreibweise seines Namens symbolisiert - ein Querdenker und Nonkonformist "von Gottes Gnaden". Von der familialen Sozialisation her war er ein "Erz-Konservativer" im besten Sinne, in dem man den Begriff heute gebrauchen kann. Nach dem Tod des Vaters geriet er nachhaltig unter den Einfluss einer "protestierenden" protestantischen, wenngleich clavinistisch geprägten Gesellschaft. So gesehen ist es dann überhaupt nicht verwunderlich, dass wir ihn für die Jahre 1782 bis 1784 als 34th Grand Master Mason of the Grand Lodge of Antient Free and Accepted Masons of Scotland, der bedeutendsten schottischen Freimaurerloge, wiederfinden.
1786 erlaubten es seine wirtschaftlichen Verhältnisse, dass er den vergleichsweise kleinen aber teuren und historisch bedeutsamen, ehemaligen Familienbesitz Dryburgh Estate zurückkaufte. Am Anfang der Umgestaltung des Besitzes stand der Wiederaufbau von Dryburgh House, dem er mit Bedacht und großer Detailtreue das Aussehen eines spätmittelalterlichen Herrensitzes gab. Dryburgh House am Südostrand des Klosterbezirks der Dryburgh Abbey wurde für die nächsten 50 Jahre zu Erskines ständigem Wohnsitz und befindet sich bis heute in Privatbesitz.
Danach widmete er sich der Freilegung und Gestaltung des Klosterbezirks. Das wild wuchernde Unterholz zwischen den Ruinenteilen wurde gerodet, Wege wurden angelegt und Mauern zur Bestandssicherung ausgebessert. Auf der geräumten Fläche pflanzte er große Parkbäume, deren Ableger und Nachpflanzungen bis heute den Gesamtcharakter der Anlage prägen. Die Standorte ehemaliger Säulen markierte er durch Zypressenbüsche. Schließlich führte er archäologische Grabungen im Kapitelhaus und an anderen wichtigen Stellen der Abtei durch. Dabei sammelte und sicherte er in großem Stile alles Baumaterial, das geeignet war, den original bauseitigen Schmuck des Klosters zu dokumentieren. Dank dieser Bemühungen wäre es heute prinzipiell möglich, die Klosterkirche und weite Teile der Gesamtanlage nahezu originalgetreu zu rekonstruieren.
Erskine hatte für seine "schottische Ruhmeshalle", sein schottisches Walhalla, eine recht unkonventionelle Auswahl von Personen getroffen, die er dort ehren wollte. Der englische Schriftsteller Chaucer gehörte ebenso dazu, wie der deutsch-polnische Astronom Kopernikus. Das künstlerische Kleinod der Abteiruine, in dem er die Gräber zweier wichtiger Mitglieder der Abtei entdeckt und freigelegt hatte, sollte aber allein schottischen Persönlichkeiten vorbehalten bleiben.
Doch die Pläne, die er für Dryburgh schmiedete, gingen weit über die Sanierung des Abteigeländes hinaus und waren nicht gerade bescheiden. Sie waren ein Spiegelbild seiner selbst, der eigenen Vorstellung von seiner Person, von ihrer Stellung innerhalb der Gesellschaft, von Gesellschaft und schottischem Staat, seiner Geschichte und Kultur schlechthin. Dryburgh Estate wurde zur "Spielwiese", auf der dieser Exzentrikers seine Interessen als Privatmann, als Wissenschaftler und Person des öffentlichen Lebens realisieren konnte.
In den 50 Jahren seines Aufenthalts in Dryburgh bot Erskine manch kuriose Schau und exzentrische Veranstaltung. Er hatte eine kaum zu stillende Neigung zur Veranstaltung öffentlicher Feste, auf denen er sich auch selbst als Teil der Inszenierungen präsentierte. Einen regelmäßigen Anlass boten die Feiern zum Gedächtnis an den 1748 verstorbenen Dichter James Thomson (dem u.a. die Worte zu "Rule Britannia" zugeschrieben werden) in dessen Heimatort Ednam.
Nachdem schon im Klosterbezirk von Dryburgh einige Gedenksteine für große Persönlichkeiten der schottischen Geschichte aufgestellt worden waren - einer der schönsten und stilistisch interessantesten ist sicherlich der Obelisk zum Gedenken an den Abteigründer Hugh de Mor(e)ville und König James I - ließ Erskine etwas tweedaufwärts oberhalb einer Hängebrücke, die er gleichfalls hatte bauen lassen, einen kleinen Tempel zum Gedenken an Thomson errichten. Die Brücke stürzte mehrfach ein, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die heute noch funktionsfähige Konstruktion entstand. Die Appolo-Statue im Tempel wurde erst beschädigt, dann verschwand sie im letzten Jahrhundert ganz, aber der kleine neo-klassizistische "Temple of the Muses" hatte bestand.
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| Details des Obelisken zur Erinnerung an Hugh de Morville,James I und James II |
Seit 2002 bietet eine Plastik der in den Scottish Borders lebenden Bildhauerin Siobhan O'Hehir eine moderne Interpretation von Thomsons wohl bekanntestem Werk "The Four Seasons". Sie zeigt eine Gruppe von vier Personen, die die Jahreszeiten verkörpern. Damit ist der Tempel der Musen, dessen Kuppel eine Büste Thomsons ziert und zu dessen Einweihung kein geringerer als der Dichterfürst Burns eine poetische Grußadresse verfasste, als Gesamtkunstwerk wieder komplett.
Etwa einen Kilometer von der Abtei entfernt steht auf halber Höhe des Hangs das größte Denkmal, das Erskine in seinem Temple of Caledonian Fame errichten ließ: eine monströse, etwas über 10 Meter hohe Statue zum Gedenken an William Wallace. Kopf und Gesichtszüge sind einem gut bekannten, wenngleich nicht zeitgenössischem Bild des Nationalhelden nachempfunden. Als dessen Schöpfer sehen einige Sachverständige Erskine selber. Es existieren aber zahlreiche Kopien und ganz ähnliche Stiche der Ansicht von unbekannter Hand. Ob der Schöpfer nun Erskine war oder nicht, man muss das Denkmal eher als Kuriosität, denn als Kunstwerk ansprechen. Das haben instinktiv auch Erskines Zeitgenossen gespürt und ihre "Kritik" auf sehr unterschiedliche Weise, aber ganz eindeutig vorgetragen. Sir Walter Scott, für den Erskine wohl so etwas wie ein väterlicher Freund war, äußerte noch vor der offiziellen Einweihung: "Wenn jetzt eine Revolution ausbrechen würde, dann würde er als erstes eine Kanone requirieren und diese Monstrosität pulverisieren."
Die boshafte Dorfjugend von St Bothwell und Dryburgh war es wohl, die sich ganz anders ausdrückte. Der Tag der Einweihung war ebenso gekommen, wie eine illustre Schar von Gästen der schottischen High Society. Die ganze Statue war mit einem Vorhang verhüllt. Beim Schuss einer Kanone fiel der Vorhang. Zum Vorschein kam … "to the unspeakable consternation of the peer, and amusement of the company" … Willy Wally, in dessen Mundwinkel eine "German tobacco-pipe" (von der Art Wilhelm Buschscher Dorfschullehrerpfeifen) steckte.
Die Lebensgeschichte von Erskine und das Projekt des Caledonian Temple of Fame selbst wäre unvollständig, ohne die Erwähnung der Tatsache, dass Erskine - die Aufmerksamkeit der Nachwelt wohl bedacht einkalkulierend - Sir Walter Scott ein Ehrengrab in der Abtei stiftete, auf dass er im Kreise seiner Ahnen der Haliburtons zur ewigen Ruhe gebettet werden konnte. In der Art und Weise wie er das Scott antrug (sie ist bis ins Detail durch Scotts Schwiegersohn und Biographen belegt), zeigt sich wieder der typische Exzentriker. Kurz zusammengefasst hat sich die Szene wie folgt abgespielt: Der mehr als 30 Jahre jüngere Scott lag zu Edinburgh im Krankenbett. Erskine eilte ans Krankenlager und spendete Trost: "Mach Dir keine Sorgen, für Deine Beerdigung ist gesorgt". Das Drehbuch der Feierlichkeiten, aus dem er dann aber vortrug, war das, das er für seine eigene Beerdigung entworfen hatte.
Scott akzeptierte die Grabstätte und sorgte nach Erskines Tod im Jahre 1829 dafür, dass dieses Drehbuch Buchstabe für Buchstabe in die Realität umgesetzt wurde. David Steuart Erskine, 11th Earl of Buchan, wurde seinem Wunsch entsprechend nicht im Zentrum des Caledonian Temple of Fame, dem ehemaligen Kapitelhaus der Abtei, beigesetzt, sondern knapp daneben, in der ehemaligen Sakristei der Abteikirche, ganz für sich alleine, aber so zu sagen immer die geplante Ruhmeshalle für die Großen Schottlands im Auge behaltend.
(tsp/ws/kba)
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