Es geht im nachfolgenden Text in keiner Weise darum, den 1995 erschienenen Spielfilm "Braveheart" in irgendeiner Weise "madig" zu machen oder gar vom Kinobesuch abzuraten. Er hat seinen Unterhaltungswert und dabei soll es auch bleiben.
Nachfolgend erscheint also keine Filmkritik, wohl aber eine Kritik an der Position der Filmemacher, die da immer wieder behauptet haben - und dies mit zahlreichen Aussagen etwa auf der DVD-Fassung zu untermauern suchen - sie hätten Historie ins Bild gesetzt. Historisch betrachtet ist der Film absolut wertlos, enthält er doch kaum ein Detail, dass einer historisch-kritischen Würdigung Stand hält. Es ist ein ganz netter Film, aber man darf ihn nicht im Sinne von "Geschichtsschreibung" sehen und begreifen, da mag die eine Person von Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller behaupten, was sie will.
Es geht nachstehend auch nicht um eine Behandlung der Aspekte, hinsichtlich derer die Macher des Films aus dramaturgischen Gründen - sei es mit Personen und Handlungen oder der Ausstattung - ganz offensichtlich die historischen Tatsachen verlassen haben.
Als Beispiel dafür mögen die folgenden zwei Hinweise genügen:
1. Isabella, die zukünftige Frau Edwards II. kann nicht von Wallace (mit dem späteren Edward III.) schwanger gewesen sein. Zur Zeit der Handlung des Films weilte sie immer noch in Frankreich und sie kam erstmals zwei Jahre nach der Hinrichtung des Wallace nach England. Sie kann ihn also auch schon gar nicht verräterisch handelnd vor den Ereignissen bei York gewarnt haben, zumal der historische Wallace die Stadt nie angegriffen hat. Im Sinne von "more love, crime and action" ein ganz witziger Gag des Drehbuches, der aber bar jeglichen Realitätsbezuges ist.
2. Im Film tauchen prächtige Ochsen als Zugtiere auf. Allein, es handelt sich dabei um "English Longhorns", eine Rasse, die erst ab 1700 (nach anderen Quellen ab 1760) gezüchtet wurde und aus denen später die Aberdeen-Angus-Rinder hervorgingen. Ein monumentaler Film braucht aber monumentale Darsteller und unter diesem Aspekt machen sich die massigen Longhorns halt besser als die kleinen, um nicht zu sagen "mickrigen" schottischen Rinder der fraglichen Zeit, die wir uns etwa wie die heute noch existierenden Shetland Coos vorstellen müssen - mal ganz abgesehen davon, dass die Longhorn-Ochsen als gutwillige Zugtiere berühmt und für die Crew somit weniger "gefährlich" waren als eigenwilligere Rinderrassen.
Derartige Kleinigkeiten sind filmhistorisch hinreichend gewürdigt worden: Braveheart hat viele Academy Awards gewonnen, nur nicht den für die Ausstattung - für den war er nicht einmal nominiert.
Es geht also schon gar nicht um die vielleicht zu findende Armbanduhr am Handgelenk eines Komparsen, sondern um grundsätzliche Aspekte der historischen Realität, die der Film falsch interpretiert und einsetzt, mittlerweile immerhin ein "Kultfilm", der weltweit das Bild einer ganzen Generation von der schottischen Geschichte nachhaltig beeinflusste.
Problemkreis 1: Die historische Ausgangslage
Der Film beginnt im Jahre 1276. Schottische Adlige debattieren in einer armseligen Scheune über die Thronfolge. Die Adligen werden später von den Engländern gehängt, von jenen Engländern, mit denen sich Schottland (vermeintlich) in einem dauernden Kriegszustand befindet.
Tatsächlich lebte Alexander III. 1276 noch und erfreute sich wie seine Söhne bester Gesundheit. Für eine Thronfolgerdebatte gab es 1276 keinen Anlass; für sie hätte es erst ab 1284 einen Anlass gegeben, nachdem der Thronerbe noch vor dem Vater gestorben war. Doch Alexander hatte auch hier vorgesorgt, in dem er Robert Bruce, The Competitor (und Großvater des gleichnamigen, nachmaligen Königs), zum Thronerben bestimmt hatte.
Zwischen England und Schottland herrschte für 60 Jahre Frieden - eine der längsten Friedensperioden in der Geschichte beider Staaten überhaupt. Die letzte "Schlacht", die ein schottisches Reichsheer geschlagen hatte, war 1266 das Scharmützel mit den Norwegern vor den Toren von Largs. Mehr noch: Der offene Krieg mit den Engländer brach erst 1296 unter der Herrschaft Balliols aus, beinahe genau 10 Jahre nach Alexanders Tod, 20 Jahre später als der Film glauben macht.
Problemkreis 2: Der Plaid als Kleidung der Highlander
Wallace trägt im Film den Plaid, so als sei dies die zeitgemäße Kleidung der Schotten.
Tatsächlich war Wallace aller Wahrscheinlichkeit der jüngere Sohn eines schottischen Landadligen aus Ayrshire oder benachbarten Regionen. Hier offenbart sich weit mehr als ein Ausstattungsdetail, nämlich eine grundsätzliche Verkennung der tatsächlichen historischen Verhältnisse hinsichtlich Tracht und Gewandung: Für das ausgehende 13. Jahrhundert muss davon ausgegangen werden, dass diese in Schottland und England für den Adel und die gesellschaftlich nachrangige Bevölkerung jeweils nahezu identisch war. Der 'plaid' selbst ist jedenfalls jüngeren Datums. Möglicherweise gab es bei der Tracht allenfalls Unterschiede hinsichtlich der farblichen Gestaltung, hier insbesondere der Frage, ob zu dem Zeitpunkt schon Frühformen der typisch schottischen 'tartans' existierten.
In diesen Kreis vergleichbarer historischer Fehleinschätzungen gehört auch der "blaugeschminkte" Filmheld, so prächtig er uns auch von den Filmplakaten entgegenstrahlen mag. Blaue Farbpigmente, die zur Herstellung von Schminkfarben für eine Kriegsbemalung geeignet gewesen wären (nicht zu verwechseln mit Waid zur Färbung von Stoffen), gehörten seit den Tagen der alten Ägypter und bis in die Moderne zu den weltweit teuersten Farbpigmenten überhaupt, waren an die Möglichkeiten des damaligen Welthandels gebundene Importstoffe, die in Europa im wahrsten Sinne des Wortes mit Gold aufgewogen wurden. Ganz schlicht gefragt: Warum sollte sich ein Heerführer aus dem niederen Adel die halbe Kriegskasse ins Gesicht geschmiert haben, statt sie in die für die Zeit erwiesene Weiterentwicklung der Waffentechnologie zu investieren?
Das Blau gewonnen aus dem Bovist - wie manche behaupten? Abgesehen von der Frage, ob dies "chemotechnisch" möglich ist: Es gibt Regionen in Europa, wo Boviste wesentlich üppiger wachsen als in Schottland, in denen der Pilz als Farbstofflieferant aber nie eine Rolle gespielt hat.
Wie aber schon gesagt: Diese Üppigkeit der Ausstattung war zumal angesichts der Fehler den ehrwürdigen Juroren der Academy wohl etwas zu viel des Guten.
Problemkreis 3: Nochmals Isabella Princess of Wales
Isabella, die spätere Frau des englischen Thronfolgers wird als Erwachsene in die Handlung des Films eingebunden; der dramaturgische Trick (s.o.) ist als solcher ganz unterhaltsam. Der Film beschränkt sich allerdings nicht darauf, sie als Geliebte von Wallace einzubinden, sondern sieht sie mit königlichem Auftrag zwischen den Parteien vermittelnd.
Um der bereits angesprochenen Lovestory zu genügen, hätte es aus dem englischen oder schottischen Hof allerdings ausreichend Alternativen gegeben, um dem dramaturgischen Unterhaltungswert gerecht zu werden. Das Problem der historischen Fehleinschätzung ergibt sich schlicht aus der Tatsache, das Isabella zum Zeitpunkt der Aufstände von Wallace und de Moray ein Kleinkind war, das zum Zeitpunkt von Wallace's Hinrichtung 1305 gerade mal 9 Jahre alt war und dass Edward II. sie erst 1307 lange nach Edward's I. Tod als Elfjährige heiratete. Eine typische "Kinderhochzeit" der Zeit, wobei die Ehe ausgehend vom Geburtsjahr Edwards III. (1327) wohl erst Jahre später (vielleicht 10 Jahre oder mehr nach dem Tod des Wallace oder Edwards I.) vollzogen worden sein dürfte.
Ihre Rolle als Gesandte im Auftrag Edwards: Es ist nach heutigen Erkenntnissen schon schwer vorstellbar, dass zu der Zeit und in der Kriegssituation eine Frau für diese Mission ausgewählt worden wäre. Eine Französin dafür vorzusehen, ist angesichts der Auld (Franco-Scottish) Alliance eine geradezu groteske Konstruktion der Filmemacher.
Problemkreis 4: Prima Nocte
Der Film geht davon aus, dass das "Recht der ersten Nacht" tatsächlich vom Landesherren als körperlicher Akt vollzogen wurde.
Erst einmal ist festzuhalten, dass dieses "Recht" nur gegenüber dem gemeinen Volk, nicht aber gegenüber dem Adel bestand. Für das feudale Schottland gibt es keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass dies gängige Praxis war, mehr noch, es gibt nicht einmal Einzelfallbelege. Ganz Ähnliches gilt auch für das kontinentale Europa, insbesondere das im Kontext des Films noch relevante Frankreich, wo die Berichtslage zwar dichter ist, konkrete Belege aber ebenso fehlen.
Belegt ist nicht das Rechte auf die erste Nacht als Beischlafrecht des Landesherren mit der jungfräulichen Braut, sondern einzig das Recht der ersten Nacht als eine Art "Hochzeitssteuer", d.h. der freiende Bräutigam hatte dem Landesherren einen Betrag zu zahlen, für den er im Gegenzug das Recht gewährt bekam, zu heiraten und die Ehe mit seiner angetrauten Frau körperlich zu vollziehen.
Alles andere konnte auch schon zu jener Zeit als Vergewaltigung geahndet werden, waren davon gar "Damen von Stand" (also auch die Frau eines "Junker" Wallace) betroffen, lauteten die Strafen ähnlich drastisch wie die im Falle eines Hochverrats.
Im Übrigen sei darauf verwiesen, dass der vermögende Adel, insbesondere auch ein König, über genügend anderweitige Mittel verfügt haben dürfte, um sich die Schönen des Landes gefügig zu machen, reihenweise "Bastarde" zu zeugen und diese auch in allen Ehren zu unterhalten.
Problemkreis 5: Die Schlachten von Stirling Bridge und Falkirk
Die Schlachtszenen des Films zählen zu den aufwendigsten Inszenierungen der Filmgeschichte, zumal nicht bzw. nur wenig mit Studio- und Tricktechnik gearbeitet wurde, sondern ganze Heere von Komparsen ausgestattet und durch den Set dirigiert wurden.
Lassen wir fehlerhafte Kostümierung und Bewaffnung (claymore) im Detail als Kleinkram außen vor, so bleiben immer noch genügend Fehleinschätzungen des historischen Kerns. Für Stirling Bridge (1297) bleibt das Kernproblem, dass der Schauplatz "Brücke" bis heute nicht erwiesen ist, damit die Tatsache, dass die Schotten als Hauptangriffsziel eben eine Brücke im herkömmlichen Sinne wohl nicht hatten. Es standen sich auch in weiten Teilen nicht zwei geschlossene Heere in offener Feldschlacht gegenüber. Vielmehr nutzten die Schotten die Schwachstelle "Flussquerung", um das dadurch gespaltene englische Heer nach Guerilla-Art in Teilen anzugreifen (zu den Details vergleiche die ausführliche Darstellung an anderer Stelle dieser Seite).
Zudem: Die schottischen 'schiltrons' waren eine Verteidigungsformation, untauglich für den Angriff. Der erste historisch korrekt überlieferte Sieg eines überwiegend mit Speeren bewaffneten Heeres zu Fuß gegen eine von der Kavallerie dominierte Macht des Gegners stammt aus dem Jahre 1302, als in der Schlacht von Courtrai das flämische Heer die französische Kavallerie in offener Feldschlacht besiegte.
Hinsichtlich Falkirk (1298) wird die militärhistorische Konstellation dann vollends auf den Kopf gestellt: Das (zahlenmäßig unbedeutende) irische Kontingent hat keinesfalls die Fronten gewechselt, Bruce war bei der Schlacht gar nicht anwesend, sondern weilte erwiesenermaßen auf seinem Besitz in Carrick, der Titelheld "desertierte" vorzeitig vom Schlachtfeld und nahm damit praktisch billigend in Kauf, dass der führerlose schottische Haufen von den englischen und walisischen Bogenschützen erst regelrecht zusammengeschossen, dann von den englischen Panzerreitern niedergeritten werden konnte. Falkirk eignet sich zwar als Vorlage für blutrünstige Massenszenen, war aber alles andere als ein Ruhmesblatt in der schottischen Militärgeschichte und hätte bei realistischer Darstellung dem durch den Film wiederbelebten Personenkult um Wallace diametral entgegengestanden.
Problemkreis 6: Wallace als Guardian of Scotland und in der Zeit nach Falkirk
Man bekommt fast Mitleid mit dem sich im Intrigengeflecht verheddernden Wallace, zumal ihm im Film keine Pause gegönnt wird, ist er doch in der filmischen Darstellung die ganze Zeit in Schottland präsent und immer in Aktion, um Feinde von innen und außen abzuwehren.
Der nach Stirling Bridge frisch in eigenem Namen geadelte Wallace und der Co-Guardian Sir Andrew de Moray handelten als Guardians of Scotland mit uneingeschränkter Macht im Namen und als Vertreter John Balliols. Ihre Position mag im Binnenverhältnis nicht unangefochten gewesen sein, sie hatten aber alles Recht und alle Möglichkeiten, jedweden Widerstand im Keime zu ersticken.
Tatsächlich hatten sie aber ganz andere wesentliche Aufgaben zu erfüllen wie etwa die Wiederbelebung der Wirtschaft in dem vom Krieg gezeichneten Land. Dieser Aufgabe sind sie auch wie mehrfach belegt vorrangig nachgekommen. Ein Freiheitsheld als Kaufmann am Schreibtisch sitzend, passte den Filmemachern aber offensichtlich nicht ins Bild.
Nach dem Tod de Morays ist Wallace auch gelegentlich in England eingefallen, was einerseits nicht unüblich war, andererseits aber auch keinen Aktivitätsschwerpunkt darstellte. Er durchzog dabei weite Teile Nordenglands, kam in dem einen zur Diskussion stehenden Jahr zwischen Stirling Bridge und Falkirk aber zu keinem Zeitpunkt soweit südlich wie bis vor die Tore von York.
Ob freiwillig oder auf Druck hin: Unmittelbar nach Falkirk legt Wallace die Guardianship nieder, verlässt Schottland und ward für vier lange Jahre nicht gesehen. Er weilte während der Zeit in diplomatischer Mission wohl in Frankreich und Rom. Die ganze Phase, die historisch vielleicht wichtigste Rolle des William Wallace, denkt man das Verhalten des Papstes und der französischen Krone in der nachfolgenden Ära Bruce mit, findet im ganzen Film keinen auch nur halbwegs angemessenen Niederschlag. Sie findet einfach nicht statt und dies wohl nur, weil sich Diplomatie filmisch weniger spektakulär umsetzen lässt als wildes Schlachtengetümmel - jedenfalls kann keine "Redaktion" diese vier wichtigen Jahre im Rahmen einer knapp 29 Jahre umfassenden Filmhandlung bei der doch vermeintlich gründlichen Recherche übersehen haben.
Problemkreis 7: Gefangennahme, Prozess und Hinrichtung
Der Film inszeniert eine äußerst brutale Hinrichtung und suggeriert dabei beim Zuschauer, dass es sich um einen Akt einmaliger, barbarischer Grausamkeit handelte, mit dem die Engländer ihre Rachegelüste an den Schotten abreagierten.
Doch gleichzeitig gerät die Inszenierung zu einem großen Witz, der schlagartig eines klar macht: So kann es nicht gewesen sein …
Der Prozess gleich nach der Gefangennahme und Deportation war kurz. Soweit ist noch alles richtig. Dann wird das Urteil vollstreckt: Wallace wird geschleift, gehängt, entmannt, ausgeweidet und gevierteilt - und es fließt kein Tropfen Blut. Mehr noch: Nach all dem Schleifen, Hängen, Entmannen und Ausweiden findet der Held noch unmittelbar vor dem Vierteilen die ganze Kraft zum erlösenden Befreiungsschrei.
Man kann sich an dieser Stelle alle weiteren Überlegungen zur Historizität des Urteils und der Vollstreckung sparen, all die Fragen nach der Angemessenheit der Strafe oder nach den Details der Urteilsvollstreckung. Großartiger als es der Film selber macht, kann man den Widerspruch zwischen Realität und Hollywood nicht darstellen.
Problemkreis 8: Die Herren Bruce - oder aus drei mach zwei
Die Darstellung des jungen Robert Bruce ist in ihrer ganzen Zwiespältigkeit und Verwirrung bei allen Unstimmigkeiten im Detail wahrscheinlich der einzige Punkt, der der historischen Realität wohl nahe kommt.
Während Bruce Vater (wie sein Vater, Robert The Competitor auch) jahrelang vorbehaltlos den Engländern diente (u.a. als Gouverneur der Grenzfestung und -region Carlisle), wechselte der Sohn gleich mehrfach um des persönlichen Vorteils Willen die Seiten. Anfangs stand er auf Seiten der Engländer gegen Balliol, dann in Wallace's Lager, den er als Guardian of Scotland sogar beerbte. 1302 machte er dann anlässlich seiner Hochzeit mit der Tochter des Earl of Ulster eine Art "Privatfrieden" mit Edward. 1306 startete er erneut und mit der Ermordung Comyns eine "schottische Karriere", an deren Ende er als schottischer König dasteht.
Der Film nimmt aus diesem Lebenslauf aber nur die Elemente, die geeignet sind, den Titelhelden noch positiver darzustellen. Dabei werden die Biographien von Großvater, Vater und Sohn bunt gemischt und das ohnehin verzwickte Verhältnis von Vater und Sohn weiter verfälscht: Nicht der Vater hatte Lepra, sondern der Sohn, Robert I, starb an dieser Krankheit. Nicht der Sohn buhlte um die schottische Krone, sondern der Vater, der bis zu seinem Tode 1304 vorrangigere Rechte hatte, nachdem der Competitor (Turnbarry Bond) 1295 verstorben war.
Aus den für das Gesamtgeschehen zwischen 1276 und 1305 relevanten drei Robert Bruce der Realität macht der Film eine Nebenrolle und einen Statisten "mit Sprechrolle".
Problemkreis 9: The story of a population of patriots
... einmal abgesehen von einer Handvoll opportunistischer Verräter aus dem Hochadel, die aber bis auf Bruce allesamt kommentarlos aus dem Filmgeschehen verschwinden.
Genau hierin liegt aber der Kern der historischen Fehleinschätzungen. "Schottland", das ja als einheitlich verfasstes Staatswesen noch nicht existierte, sondern sich erst danach unter The Bruce entwickelte, war in seinen Anfangstagen mindestens so zerstritten wie bei seinem Ende auf dem Schlachtfeld von Culloden.
Die Risse gingen geographisch kreuz und quer durchs ganze Land, aber auch kreuz und quer durch alle sozialen Schichten. Wallace, Balliol, de Moray, die Bruces, die Comyns, ein Walter The Steward oder ein Mentieth (und alle anderen, die man hier noch nennen könnte) sie alle kochten erst einmal ihr eigenes "Süppchen", in jeder der oftmals wechselnden Rollen als König, Guardian, Reichsbeamte oder Rebellenführer.
Wenn es so etwas wie eine historische Konstante zu der Zeit gab, dann war dies der Anspruch der englischen Edwards auf die 'overlordship', den die genannten Schotten mal anerkannten, mal ablehnten. Darin lag der große historische Konflikt Schottlands zur Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert, weniger im Schlachtengetümmel, wie es der Film glauben macht.
Problemkreis 10: Die Summe der "kleinen" Fehler
Grundsätzlich ist festzuhalten, dass relativ wenig Konkretes aus der Zeit und über die Person des William Wallace sowie ihres sozialen und politischen Umfeldes bekannt ist. So gesehen hätte es genügend Spielraum gegeben, die Handlung des Films in jedwede Richtung wenden zu können, ohne die bekannten Tatsachen zu verfälschen. Einzeln betrachtet sind die Verfremdungen der historischen Tatsachen relativ unbedeutend, in der Zusammenschau allerdings machen sie eindrücklich deutlich, dass der historische Hintergrund für Drehbuch und Regie praktisch ohne Bedeutung war.
1. Über das Leben des Vaters von William Wallace ist nur wenig bekannt. Sicher ist nur, dass er ein Vasall des High Steward of Scotland war. Unbekannt sind insbesondere Datum und Umstände des Todes. Die im Film angebotene Version und die Rolle die dabei Edward I gespielt haben soll - letztlich ein zentrales Motiv für das Handeln Williams - sind reine Fiktion.
2. Wirtschaftliche und soziale Stellung des Wallace werden im Film systematisch herabgesetzt, wohl um den späteren Aufstieg zu überhöhen. Als Mann von Stand hatte er es gar nicht nötig gehabt, seine "Murron" heimlich im Wald zu ehelichen, um der 'prima nocte' zu entgehen, die nur für das gemeine Volk galt. Tatsächlich hat er ja auch die echte Marian Braidfoot - wie es nach einigen Quellen scheint - in der St Kentigern Kirche zu Lanark geheiratet.
3. Wallace war wohl gebildeter, als es der Film Glauben macht. In der Familie des Wallace gab es mehrere geistliche Herren, die ihn allesamt Latein und wohl auch Französisch hätten lehren können - und zwar in der für die Zeit üblichen Weise der Erziehung eines Kindes durch einen Verwandten oder engen Freund der Familie und nicht auf einer frei erfundenen Pilgerreise nach Rom in den Jugendjahren.
4. Seine Frau Marian wurde soweit bekannt wohl nicht nur umgebracht, weil sie für einigen Wirbel gesorgt hatte, als ihr Mann ihre Ehre gegen die sie bedrängenden Engländer verteidigte. Vielmehr hat sie wohl selbst durch eigenes "aufrührerisches Handeln" den Zorn der Engländer auf sich gezogen. Ob als Strafe dafür oder als Warnung an den schon profilierten Rebellenführer Wallace, die genauen Gründe für ihren Tod sind unbekannt, die Variante des Films ist aber eher unwahrscheinlich.
5. Wallace als Alleinheld des Widerstands, das Nicht-Erscheinen z.B. eines Andrew de Moray im Film, stellt die Historie vollends auf den Kopf. Das gilt für die Zeit der schottischen Guerilla vor den großen Schlachten der Unabhängigkeitskriege, das gilt insbesondere aber für die Schlacht von Stirling Bridge.
6. Englische Truppen in Uniform - nun gut, möchte man meinen, wie sonst soll der unbedarfte Zuschauer die Haufen im wilden Kampfgetümmel unterscheiden können. In Europa ganz allgemein kamen Uniformen aber erst im frühen 17. Jahrhundert auf (die typischen britischen Rotröcke z.B. gehen zurück auf die Zeit Cromwells um 1640). Allein auch solche Details wirken manipulierend, wenn damit beim Zuschauer der Eindruck vermittelt wird "hier das wohlgenährte, bestausgestattete Heer des Herrenvolk der Engländer", dort die "geknechteten, verarmten und zerlumpten Haufen" der unterdrückten Schotten.
7. Wieder besseres Wissen dichtet der Film den Verrat des Wallace dem Robert Bruce, Vater des nachmaligen Robert I. an. Eine komplett unsinnige und unnötige Konstruktion des Drehbuches, die einzig und allein aus der fälschlichen Zuspitzung des Konfliktes im schottischen Hochadel auf die Personen Wallace und Bruce resultiert. Mentieth war es (wir kennen auch seine Belohnung dafür), aber wahrscheinlich war es kein Alleingang. Vielmehr handelte er wohl im Auftrag der "schottischen Großen", die sich des zum politischen Störfaktor gewordenen Rebellenführers entledigen wollten.
8. Ein kleiner aber feiner Detailteufel: Das königliche Wappen und die Robe des Bischofs, die dem geschundenen Wallace zu küssen befohlen werden … The Tudor's Double Roses, erstmals geführt von Henry VII. als erstem Tudor König ab 1485. Ein Indiz nur, aber ein aussagekräftiges, das belegt, wie unüberlegt Historie zusammenstückelt wurde.
(tsp/ws/mf/uv)
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