Die Geschichte liegt jetzt 700 Jahre zurück und nur wenig ist durch verläßliche Quellen belegt. 700 Jahre Tradition und Verehrung als Freiheitskämpfer tragen zudem gehörig zur Verzeichnung der Bilder bei. Beschreibungen des "Verehrten" werden "geschönt", die seiner Widersacher heruntergemacht. Mit William Wallace ist die Geschichte keinesfalls anders umgegangen.
Die schottische Romantik des 19. Jahrhunderts machte aus dem Freiheitskämpfer den Nationalhelden, die Massenmedien des 20. Jahrhunderts, insbesondere der Film und das Internet, formten ihn zur Kultfigur. Man mag das sehen, wie man will, einen Vorteil hatte diese Art der Glorifizierung: Zum Ende des 20. Jahrhunderts sah sich denn auch die historische Forschung genötigt, William Wallace als Person und Phänomen mitsamt dem historischen Umfeld genauer zu erforschen. Der Prozess ist noch längst nicht abgeschlossen, aber die ersten Ergebnisse lassen erkennen, wo man mit Relativierungen des tradierten Bildes ansetzen muss.
The False Mentieth - Schuft oder Ehrenmann?
Sir John Mentieth (+ ca. 1329) war derjenige schottische Adlige, der William Wallace am 03. August 1305 verhaftete, ihn in sein Gefängsnis auf seinem Schloss in Dumbarton warf und Wallace den Engländern auslieferte. Das ist der historisch gesicherte Fakt, der Mentieth den Beinamen 'The False', der Falsche, der Betrügerische einbrachte.
Aber Mentieth war weniger "falsch", als man aufgrund dessen annehmen könnte. Vielmehr war er eher der "typische" Vertreter des schottischen Hochadels jener Zeit; weniger falsch als vielmehr wankelmütig und opportunistisch. 1296, Mentieth kämpft auf Seiten der Schotten als Parteigänger von Wallace gegen Baillol und gerät in englische Gefangenschaft, aus der er - wie auch immer, es ist nicht überliefert - 1297 entlassen wird. Er wird Verwalter des Castles in Dumbarton und des (schottischen) Sheriffamtes in Dunbartonshire; er bleibt auch unter den Engländern Verwehser des Sheriffamtes, so wie auch etliche andere aus dem schottischen Adel ihre Ämter behielten, nachdem der schottische Adel angeführt von John Comyn 1304 Edward gehuldigt hatte.
Er war später aus unbekannten Gründen gewisslich kein Wallace-Sympathisant mehr, aber auch nicht der hinterhältige Feigling, zu dem ihn die Wallace-Verehrer des 19. Jahrhunderts stempelten. Er war aus dem Wallace-Lager zu Bruce's Anhängern gewechselt, für den er ab 1307 auch gegenüber den ehemals englischen Freunden Partei ergriff. Er erscheint als 'Guardian des (Auld) Earldoms Mentieth' (!) in vorderster Reihe der Unterzeichner der Declaration of Arbroath 1320, wurde von Bruce für seine Verdienste um Schottland zum Earl of Lennox erhoben.
Wallace-Verehrer und erst recht Braveheart-Fans werden es nicht gerne hören, aber nach der Bewertung der Quellenlage aus heutiger Sicht war Mentieth eher "Edelmann" denn Schuft, der Zeit seines Lebens für die schottische Sache stand - wenngleich im Laufe der Zeit in den verschiedenen, zeitweise miteinander verstrittenen Lagern auf der schottischen Seite.
William Wallace - Verraten und verkauft?
Im klassischen Sinne eher NEIN. Als Mentieth und Wallace im August 1305 aufeinandertrafen, war Wallace ein 'Outlaw', ein Vogelfreier - aus englischer Sicht auf jeden Fall, aber wohl auch nach schottischer Rechtslage, gewisslich aber aus der Sicht des tonangebenden schottischen Hochadels, der im übrigen nicht dem kleinsten Finger rührte, um einen möglicherweise nur von den Engländern geächteten prominenten Vertreter Schottlands vor Edwards Schergen zu schützen.
Den 'Outlaw' hätte Mentieth an Ort und Stelle erschlagen (lassen) können, ohne dass ihm diese Tat zum Nachteil gereicht hätte. Das hat er aber nicht getan. Als amtierender Sheriff von Dumbartonshire musste er aber handeln. Also nahm er den Straftäter fest und schuf - bewusst oder unbewusst - für die Schotten ein ungeheueres Problem.
Die Schotten hätten als einzige Alternative den 'Outlaw' Wallace in einem Schnellprozess selber anklagen und verurteilen müssen, wobei angesichts der Zeit und der Rechtslage der Urteilsspruch auch nur auf "schuldig" hätte lauten können. Die Schotten hätten also ihren Helden von Stirling Bridge, der er unzweifelhaft war, auch selber selber richten müssen. Diese Peinlichkeit blieb ihnen durch eine Überstellung von Wallace an die Engländer erspart.
Nun hatte aber der schottische Hochadel gerade 1304 gegenüber Edward als 'Overlord' die Gefolgschaft geschworen. Mentieth, der auch unter Edward Verwalter des Sheriffamtes von Dumbartonshire geblieben war, war somit zugleich aber auch Beamter der englischen Krone.
Die Konfliktlage stellt sich insgesamt also folgendermaßen dar: Als Untertan der englischen Krone hätte Mentieth den William Wallace auf der Stelle erschlagen können; als schottischer Privatmann auch. Als schottischer Edelmann hätter er Wallace gleichfalls auf der Stelle erschlagen können (und sei es auch nur, um ihm ein qualvolleres und/oder unrühmlicheres Ende zu ersparen) oder er hätte ihn verhaften und - vielleicht etwas außerhalb der Legalität - von einem schottischen, zumindest schottisch besetzten Gericht im Schnellverfahren aburteilen zu lassen können (die Konsequenz Todesstrafe wäre für Wallace eh gleich gewesen). Als "Rechtspfleger" der englischen Krone musste er zwangsläufig den Gefangenen Wallace den vorgesetzten (englischen Behörden) überstellen.
Allein die Tatsache, dass Wallace nicht sofort in die wesentlich besser gesicherte englische Grenzfestung Carlisle verbracht wurde, sondern für einige Tage in Mentieths persönlichem Gewahrsam auf seinem Dumbarton Castle verblieb, wird heute auch dahingehend interpretiert, dass auf schottischer Seite über das weitere Schicksal von Wallace verhandelt wurde. "Man" hat sich offensichtlich abgestimmt, Wallace zum Bauernopfer gemacht und überstellt. "Man" überließ die Drecksarbeit den Engländern.
Es gibt keine direkten Beweise für diese Theorie, aber der weitere Gang der Geschichte deutet darauf hin, dass Wallace eher von der politischen Führung des Landes aus Gründen der Staatsraison "geopfert" wurde, als dass Mentieth eigenmächtig "verräterisch" gehandelt hat.
William Wallace - Der geniale Schlachtenlenker?
Eher: JEIN! William Wallace hat als einziger der Heerführer von Stirling Bridge die Schlacht nachhaltig überlebt. Hugh Cressingham, der Oberkommandierende auf englischer Seite blieb auf dem Schlachtfeld, Andrew de Moray erlag den Folgen seiner Verwundungen etwa zwei Monate später.
Es war also nur natürlich, dass Wallace der ganze Erfolg zugeschrieben wurde, zumal ohne sein Zutun von "Geschichtsschreibern" nachfolgender Generationen!
Nach der "Aktenlage" ergibt sich demgegenüber folgendes Bild: Wallace war eine bekannte Persönlichkeit im Süden, namentlich im schottisch-englischen Grenzgebiet der Borders. Andrew de Moray war - wenngleich zum Teil aufgrund der Erfolge seiner Anhänger unter den MacDougalls - im Norden, Westen und Süden bekannt, sozusagen "landesweit".
Es ist aus heutiger Sicht zumindest das Verdienst von Andrew de Moray, dass es ihm gelang, seine Guerilla-Taktik des "hit, run and hide" auf militärische Großverbände, wie sie in Stirling kämpften, zu übertragen. Er war es nach Meinung führender Militärhistoriker, der die Technik der 'Shiltrons' entwickelte und - aus der Not heraus - die neuen Aufgaben für eine leichte Kavallerie entwickelte.
Die schottische Militärgeschichte der Zeit von Stirling Bridge bis Bannockburn zeigt eindrucksvoll, dass es dazwischen auf schottischer Seite keine Weiterentwicklungen, sondern wenn, dann Fehlentwicklungen gab: die unsinnige, nochmalige Verlängerung der Speere zur Abwehr der englischen Panzerreiter, die fehlende Funktionszuweisungen der Bogenschützen und der leichten Kavallerie. Edward dagegen hatte in knapp einem Jahr die passenden Gegenstrategien entwickelt (vgl. Anmerkungen unter dem Stichwort Falkirk im Abschnitt Battle of Stirling Bridge).
Es ist müßig darüber zu streiten, wer der bessere Stratege oder Taktiker war: Wallace oder de Moray. Fakt ist, die richtigen Konsequenzen aus den vorangehenden Schlachten hat allein Robert The Bruce gezogen. Er machte Wallace's Fehlentwicklungen im Bereich der 'shiltrons' rückgängig, fand neue strategische und taktische Funktionen für die Kavallerie - wohl auch Dank deren Führer Keith - und die Bogenschützen.
Fazit: Wallace war "nicht schlecht", vielleicht sogar optimal, wenn es um die Ausführung militärischer Konzeptionen ging. Was seine Fähigkeiten als Stratege und "Waffentechniker" anbelangt, muss man angesichts der Wahl des Standortes der Schlacht von Falkirk und der Entwicklung der verfügbaren "Waffengattungen" eher Zweifel anmelden. Die besseren Militärs waren wohl de Moray und vor allem The Bruce.
Das Urteil - barbarisch?
Aus heutiger Sichtweise: eindeutig JA! - Aus der Sicht der Zeit: eher NEIN! Man darf in diesem Zusammenhang nicht übersehen, dass öffentliche Hinrichtungen - zumal solche von prominenten Personen - im Hochmittelalter immer auch ein staatlich verordnetes "Spectaculum", ein Show-Act waren.
Die Gedanken von Vergeltung und Strafe prägten das Rechtsbewusstsein und Rechtsempfinden, Sühne, Wiedergutmacheng gar Resozialisierung waren im strafrechtlichen Kontext unbekannte Begriffe. Daneben galt - vereinfacht gesagt - der Rechtsgrundsatz: Je schwerer das Verbrechen, desto härter die Strafe.
Bei aller Verehrung darf man dabei nicht übersehen, dass Wallace selbst auch nicht gerade zimperlich war, wenn er zuschlug. Aus den überlieferten Quellen läßt sich schon entnehmen, dass er "weder Mann noch Frau, Kind oder Greis, Mönch oder Nonne" schonte, wie es in einer Überlieferung fast wörtlich so heißt. Der bei Stirling Bridge gefallene Cressingham wurde noch auf dem Schlachtfeld gehäutet, um aus der Haut als Trophäe einen Gürtel für Wallace's Schwert zu fertigen.
Wenn auch einige englische Autoren gelegentlich behaupten, "Engländer hätten nie jemanden derart "geschlachtet" und "ausgeweided"", wenn sie gar den englischen Begriff "drawn" auf das wie auch immer geartete Schleifen des Delinquenten zur Richtstätte beschränken, so spricht doch die erhaltene lateinische Fassung des Urteilsspruchs - und die überlieferte Vollstreckungspraxis späterer Jahre - eine eindeutige Sprache.
Falsch sind aber zwei in diesem Zusammenhang immer wieder anzutreffenden Behauptungen: Zum einen die, dass nur Wallace dies bedauerliche Schicksal so zu erleiden hatte. Richtig ist vielmehr, er war der erste einer langen Reihe, die unter dem Verratsvorwurf so abgeurteilt wurden - Engländer wie Schotten; unter den letzteren so bekannte Personen wie Nigel Bruce, der Bruder von Robert The Bruce. Falsch ist aber auch die Behauptung, vor allem schottische Edelmänner seinen wegen Verrats noch bis an die Schwelle des 18. Jahrhunderts dergestalt verurteilt und gerichtet worden. Der letzte schottische Edelmann, der so hingerichtet wurde (Mai 1699), war kein geringerer als Thomas Fraser of Beaufort, de jure 10th Lord Fraser of Lovat.
Aber nicht das Datum ist dabei entscheidend, sondern die Tat. Fraser wurde nicht wegen einem politischen Vergehen derart als "Veräter" hingerichtet, sondern weil er eine adlige Dame, Amelia (Dowager Lady Fraser of Lovat), im Jahr zuvor entführt hatte - und derartige, eher dem Sexualstrafrecht zuzurechnende Übergriffe auf eine Dame von Stand waren dem "Verrat" als Tat und im Strafmaß gleichgestellt.
Wallace, der Nationalheld, gleich Braveheart, der Filmheld?
Aus historischer Sicht mit Sicherheit: NEIN! Der Film ist ein typischer Vertreter des historisierenden Monumentalfilms im Stile Holiwoods - und ist wie viele Produkte dieser Machart historisch gesehen eher schlecht recherchiert.
Dies gilt im Detail etwa für die Präsenz und vor allem die Art des Einsatzes bestimmter Waffen und reicht über die Auswahl, die Charakterisierung und das konkrete Agieren einzelner Personen, die im Umfeld von Wallace auftreten oder eben auch nicht auftreten, bis hin zu grundsätzlichen Fehlern wie der kompletten Fehleinschätzung der gesellschaftlichen Strukturen des 13/14. Jahrhunderts und die Gründung der Kernhandlung auf rechtliche und gesellschaftliche Tatbestände, deren Grundlagen sich erst in späteren Jahrhunderten entwickelten und die - wenn überhaupt - nur in einem ganz anderen Kontext gültig waren ("Recht der ersten Nacht", Anleihen beim "Strafprozessrecht" der Inquisition").
Geradezu kurios ist die Diskrepanz zwischen dem (etwa im Begleitmaterial der DVD) behaupteten Recherche-Aufwand und der filmischen Umsetzung in einem Punkt: Da erscheint doch glatt auf englischem Boden die Schwiegertochter Edwards als proppere Mitzwanzigerin und verkündet, sie sei vom schottischen Helden bei einem Schäferstündchen mit dem zukünftigen englischen König geschwängert worden - tatsächlich lebte sie zum Zeitpunkt des Geschehens als neunjähriges Mädchen im fernen Frankreich und wurde erst nach dem Tod von Edward I zur Braut von Edward II erkoren. Künstlerische Freiheit oder Künstlerpech? - Das ist hier die Frage.
Fazit: Man genieße den Film (mit Popcorn und Coke) als Film, man verwechsle ihn aber nicht mit einem historisch ernstzunehmenden Beitrag zur Biographie des William Wallace, zur Erhellung der schottischen Geschichte oder gar zur Erklärung des besonderen schottisch-englischen Verhältnisses!
(tsp/ws)
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