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| Glencoe - Ein oftmals falsch bewertetes historisches Ereignis |
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Für viele, auch jene, die Schottland zum ersten Mal bereisen, wird Glen Coe so etwas wie das Tor zu den Highlands und damit zum Schlüssel zu dem, was sich in ihrer Gedankenwelt als Schottland schlechthin manifestiert hat. Für diejenigen, die sich etwas intensiver mit der Geschichte Schottlands auseiandergesetzt haben, wie für alljene, die zum wiederholten Male durch das Tal reisen und damit an den Gedenkstätten vorbeikommen, wird Glencoe dann schnell zu einer Schlüsselstellung schlechthin.
Ein Ereignis, ein Begriff, taucht dabei immer wieder auf: The Massacre of Glencoe.
Betrachtet man die Fakten einmal nüchtern, bleibt festzuhalten: 38 Schotten fanden hier im Jahre 1692 unmittelbar den Tod - offensichtlich durch die Hand von Schotten. Weitere 50, vielleicht 100 starben in Folge der Tat, weil sie durch die Tat in einem besonders strengen Winter Obdach und Nahrung verloren hatten. Ist dies allein etwas Besonderes? Nein. Im Rahmen der Stammes- (Clan-)Fehden in Schottland aber auch der kleinstaatlichen Auseinandersetzungen auf dem Kontinent finden sich Dutzende von Parallelbeispielen - gut 50 Jahre nach dem Ende des 30jährigen Krieges.
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| Wappen der MacDonald of Glencoe aus der Gedenktafel im Fuß des Mahnmals in Glencoe |
Aber die Überlieferung hat aus diesem Vorgang an diesem Ort etwas Besonderes gemacht. Die schottische Geschichte ist voll von Berichten über Reibereien, Streitigkeiten, auch bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen benachbarten Clans. In genau diesen Zusammenhang stellte die Geschichtsschreibung der schottischen Romantik die Vorgänge in Glencoe, stilisierte sie geradezu zum Höhepunkt der oftmals tragischen Clan-Auseinandersetzungen - wieder besseres Wissen, wie man nicht erst seit heute weiß.
Richtig ist: Auf der Opferseite finden sich fast ausnahmslos Angehörige des Clan MacDonald, darunter auch Frauen und Kinder. Richtig ist: Auf der Täterseite stehen fast ebenso ausnahmslos Angehörige des Clan Campbell, zumindest wenn man die vor Ort agierenden Personen betrachtet. Aber diese Konstellation ist beinahe zufällig, abhängig allein von den folgenden zwei Faktoren:
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a) Es war der Chief der MacIan MacDonalds, der dem neuen König |
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William of Orange den Treueeid verweigerte bzw. die zur Ableistung vorgegebene Frist verstreichen ließ. |
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b) Es war das fast ausnahmslos aus Campbells rekrutierte Regiment |
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der Argyllshire Highlanders, das 1689 zur Befriedung der Highlander ausgehoben worden war und hier seinem primären Zweck entsprechend zum Einsatz kam. |
Der Akt des Massackers am 13. Februar 1692 war aber keinesfalls der Gipfel der Fehden zwischen den MacDonalds und den Campbells, sondern vielmehr ein 'act of letters of fire and sword', d.h. eine von höchsten Regierungsstellen angeordnete und von allerhöchsten Kreisen mit letzter Konsequenz gedeckte militärische Strafaktion für den - vermeintlich - verweigerten Treueeid.
Interessant ist in diesem Zusammenhang zu sehen, dass sich unmittelbar nach der Bekanntwerdung der Greuel weder "Volkes Zorn" noch die "Wut des Adels" gegen "die Campbells" insgesamt richtete. Zielscheiben der Kritik waren vielmehr John Dalrymple und der König selbst. Dalrymple, damals noch Master of Stair, war seit 1691 Secretary of State und als ausgesprochener Hardliner bekannt. Selber ein Emporkömmling, dessen Familie es binnen zweier Generationen von den Lairds of Drummurchie zu den Earls of Stair gebracht hatte, verkörpert er als excellenter Jurist, der er wie sein Vater war, einen ganz neuen Typus von Beamten: Aufgrund der eigenen Herkunft frei von allen Clanbeziehungen, hervorragend ausgebildet und die Interessen seines politischen und königlichen Ziehvaters rücksichtslos durchsetzend.
Dalrymple gilt gemeinhin als Drahtzieher der Aktion. Er war es, der zumindest den finalen Zweck der Aktion bestimmt hat, nämlich keine normale Strafaktion und Festsetzung der Rädelsführer, sondern Ermordung aller unter 70-Jährigen, er war es wohl auch, der durch eine erwiesene Urkundenfälschung nachträglich die Rechtfertigung der Aktion belegen wollte: Tatsächlich hatte der fragliche Chief - wenn auch verspätet - den Eid geleistet, sein Name war aber aus den Listen getilgt worden.
König William höchstpersönlich hat die Aktion authorisiert. Er wollte ein Exempel statuieren, seine verbliebenen Widersacher in die Knie zwingen, um dadurch dringend in Flandern gebrauchte Truppen frei zu bekommen, die so in Schottland gebunden waren - und William hat seinen treuen Diener gegen alle Anfeindungen in Schutz genommen. Als er nicht mehr haltbar war, wurde er zwar aus dem Amt des Secretary of State entlassen, aber nur um gleich darauf als Privatier 1703 zum Earl of Stair erhoben zu werden.
"Was immer der Überbringer des Schreibens getan hat, er hat es für König und Vaterland getan ..." - so oder ähnlich kennen wir den Generalpardon für vergleichbare Schurkentaten aus zahlreichen Mantel- und Degenfilmen. So wie auf höchster Ebene hat man sich auch des Weiteren abgesichtert. Der Befehl zum Angriff ging nicht an den Oberkommandierenden der Argyllshire Highlanders - den Campbell und Earl of Argyll - sondern an einen nachgeordneten Offizier, den Major Robert Duncanson, der dann dem Captain Robert Campbell of Glenlyon den Befehl gab, mit seinem Haufen das Massacker auszuführen. Der Earl of Argyll hatte zwar wie der Earl of Breadalbane zugesagt, keine MacDonalds aufzunehmen, doch das war es aus ihrer Sicht auch schon - beide galten darum als relativ unsichere Verbündete. Seine auf Fehlinformationen basierte Information an den Hof, der MacDonald habe den Eid verweigert, wurde vom Hof allerdings wieder besseres Wissen herangezogen, um die Strafexpedition zu befehlen.
Was an den Campbells, insbesondere den Campbells of Glenlyon hängen blieb, war nicht der Vorwurf, dass sie unbotmäßig viele MacDonalds getötet hätten. Der Vorwurf galt der besonderen Heimtücke, mit der sie die Tat ausführten. Sie gaben nämlich gegenüber den MacDonalds vor, in friedlicher Absicht zu kommen und waren mit entsprechender Gastfreundschaft aufgenommen worden. Diesen Bruch der Gastfreundschaft hat der schottische Adel allerdings dem Captain Robert Campbell of Glenlyon als Verstoß gegen die Gesetze der Highlander angelastet. Mehr noch: Robert Campbell war mit MacIan MacDonald durch Heirat verwandt. Kein Clangesetz hätte ihn zu dieser Tat zwingen können, allein der Befehl von höchster Stelle konnte es - die Verweigerung hätte ihn wohl zwangsläufig den Kopf gekostet. Die Tatsache, dass er einen Befehl des unbeliebten und ungewollten Königs über die Jahrhunderte alte Tradition der Highlands stellte, wurde ihm gleichfalls angekreidet.
So gesehen ist Glencoe ein Paradebeispiel dafür, wie das schottische Königtum der Spätzeit sich bestehende Rivalitäten zwischen den Highland Clans nutzbar machte, um letztlich die eigenen Interessen durchzusetzen. Die MacDonalds of Keppoch, Vasallen der MacIntoshs und mit diesen über Kreuz, wurden nach gleichem Muster niedergemacht. Nur agierten dabei keine Campbells mehr sondern die 'Farquharson of Monaltrie, Farqnharson of Invercauld, and a number of other gentlemen ...'. Auf dieses systematische Aushebeln, auf die systematische Zerstörung original-schottischer Kultur- und Gesellschaftstraditionen stützten sich die Vorwürfe des schottischen Adels gegen den König und seinen Secretary of State, die schließlich zur Entfernung des Letzteren aus seinem Amte führten.
Die Argyllshire Highlanders wurden nach letzten Einsätzen in Flandern und nach nur 8 Jahren Bestand bereits 1697 wieder aufgelöst. Der militärisch entmachtete Argyll wurde 1701 vom Earl zum Duke befördert, aber es sollte über 80 Jahre dauern, bevor wieder ein Campbell ein eigenes (diesmal schon britisches) Militärkommando ausheben konnte.
Der Rest ist Tradition der schottischen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, der auch das alte Visitor Centre in Glencoe mit seiner Ausstellung folgte. Mit dem neuen Information Centre wurde das Bild entsprechend heutigem Erkenntnisstand korrigiert und zudem in einen wesentlich weiteren Kontext gestellt, der neben der Natur der Region auch die von ihr abhängigen Wirtschafts- und Sozialverhältnisse der einstigen Bewohner dieses Tales berücksichtigt. Bezeichnenderweise kamen die heftigsten Vorwürfe gegen diese längst überfällige Neubewertung von der ansässigen Fremdenverkehrswirtschaft. Blut und Boden, Mord und Totschlag lassen sich halt einfacher vermarkten als machtpolitisches Kalkül eines Beamten, Staatsräson oder Herrscherwillkür.
Der Befehl
"Letters of Fire and Sword", wie sie englisch bezeichnet werden, waren ein zeitgemäßes, auch in anderen Königreichen übliches Instrument der Rechtspflege. Sie kamen immer dann zur Verwendung, wenn der Souverän vorrübergehend oder regional nicht in der Lage war, auf dem Wege der ordentlichen Gerichtsbarkeit und Strafverfolgung die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu garantieren bzw. sie mit angemessenen Mitteln wieder herzustellen.
In Schottland ergingen sie ausschließlich an nachgeordnete Regierungs- und /oder Militärdienststellen und deren Amtsleiter/Kommandeure oder aber an territoriale Oberherren (landlordis). Sie waren immer beschränkt auf das Territorium, das der jeweilige Empfänger kontrollierte bzw. über das er gerade Befehlsgewalt hatte. Dessen ungeachtet nutzten einige Empfänger sie als Freibrief, um ihre Interessen im Rahmen von Clan-Fehden auch auf fremden Gebiet durchzusetzen, wodurch sie in Schottland früh in den Verdacht kamen, grundsätzlich als machtpolitisches Instrument im Rahmen von Clanstreitigkeiten genutzt zu werden. Beweise für einen derartigen Missbrauch gibt es aber nur in sehr wenigen Fällen.
Meist übertrugen sie in allgemeiner Form Rechte und Pflichten, die ansonsten in normalen Zeiten ausschließlich den Obergerichten, wenn nicht gar dem König selber vorbehalten waren, insbesondere auch das Recht Todesurteile zu fällen und zu vollstrecken einschließlich der billigenden in Kaufnahme von Opfern unter nicht beteiligten Dritten im Rahmen der Strafverfolgung Einzelner.
Nur selten waren sie so explizit formuliert, wie im Fall Glencoe. Nachstehend wird der Befehl im Originalwortlaut wiedergegeben:
"To Captain Robert Campbell of Glenlyon
'For Their Majesties' Service'
Sir, You are hereby ordered to fall upon the rebels, the M'Donalds, of Glencoe and putt all to the sword under seventy. You are to have special care that the old fox [Anmerkung: Das ist hier MacIan MacDonald] and his sons doe upon no account escape your hands. You are to secure all the avenues, that no man may escape. This you are to putt in execution at five o'clock in the morning precisely, and by that time, or very shortly after it, I'll strive to be att you with a stronger party. If I doe not come to you att five, you are not to tarry for me, but to fall on. This is by the King's special command, for the good of the country, that these miscreants be cutt off root and branch. See that this be putt in execution without feud or favour, else you may expect to be treated as not true to the king's government, nor a man fitt to carry a commission in the king's service. Expecting you will not faill in the fulfilling hereof as you love yourself, I subscribe these with my hand.
(John Dalyrmple) via Duncanson."
Der Befehl ist eindeutig und auch hinsichtlich seiner Konsequenzen bei Nichtbefolgung unmissverständlich. Er dokumentiert geradezu beispielhaft den Missbrauch eines ansonsten üblichen Instruments der Rechtspflege durch den König und seinen Secetary of State: Er befiehlt nämlich einen ausdrücklichen Massen-Mord und schreibt dessen Ausführung im Detail vor. In Folge der parlamentarischen Untersuchung der Vorfälle von Glencoe sah sich King William denn auch gezwungen, von seinem übermäßigen Gebrauch solcher "Letters of Fire and Sword" Abstand zu nehmen.
(tsp/ws)
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