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| Brochs |
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Was waren die Brochs? - Auf diese anscheinend so einfache Frage gibt selbst ein so ausgewiesener Broch-Experte wie der Archäologe Graham Ritchie keine halbwegs verbindliche Aussage. Nur soviel läßt sich entlocken: Sie waren und sind ein typisch schottisches Produkt, genauer gesagt typisch nur für den Norden und Westen Schottlands. Auf der ganzen Welt hat man bisher keine direkt vergleichbare Architektur gefunden. Ansonsten: Bei allen konstruktiven Übereinstimmungen sind die jeweiligen Standortunterschiede und architektonischen Begleiterscheinungen doch so verschiedenartig, dass eine durchgängig einheitliche Nutzung fast schon wieder ausgeschlossen ist.
Gemeinsam sind allen schottischen Brochs folgende Merkmale:
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Die weit überwiegende Masse der bisher mehr als 500 iden- |
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tifizierten Objekte entstand in den beiden Jahrhunderten vor und nach der Zeitenwende. |
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In einigen wenigen Objekten fand sich Material, das mit Hilfe der |
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Radio-Carbon-Methode auf eine Zeit um etwa 450-500 vuZ datiert werden kann und somit den Schluss zuläßt, dass einige wenige Exemplare deutlich älteren Datums sind. |
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Vergleichbare Befundlagen lassen den Schluss zu, dass die Masse |
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der Objekte bereits in der Mitte des 2. Jh. uZ bereits wieder aufgegeben bzw. schon verfallen waren, wenngleich einzelne Objekte noch in der Wikingerzeit genutzt wurden. |
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Alle Brochs sind doppelwandige Turmkonstruktionen in reiner dry- |
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stone Technik; im Hohlraum zwischen den Mauern wurde immer spiralförmig eine Treppe bis zum höchsten Punkt geführt. |
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Alle Brochs hatten nur einen Zugang, bei manchen sind deutlich |
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erkennbare "Torzargen" und "Riegelhalterungen" erhalten, oftmals befinden sind im Mauerwerk des Durchgangs seitlich eingearbeitete Zellen. |
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Zellen auf Erdgeschosshöhe finden sich häufig auch an anderen |
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Stellen, alle Zellen sind nur vom Innenhof zugänglich. |
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Soweit sie sich bis in entsprechende Höhen erhalten haben, finden |
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sich bei vielen Brochs aus dem Mauerwerk nach innen vorkragende Steine oder Simse, die sehr wahrscheinlich als Lager für Holzkonstruktionen des Innenausbaus dienten. |
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Es gibt keine erkennbaren Zeichen von Dachkonstruktionen. |
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| Doppelmauerwerk des Dun Carloway Brochs, Lewis. |
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| Blick auf das Innenmauerwerk des Broch of Mousa, Shetland. |
(Gut zu erkennen a) die sich spiralförmig hochschraubende Steinlage, die die aufgehende Treppe zwischen den Mauern markiert, b) die vorspringenden Auflieger für den ehemals hölzernen Innenausbau.)
Nimmt man das Beispiel des am besten erhaltenen Brochs (Mousa/Shetland) ergeben sich einige weitere Hinweise zur Konstruktion:
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Sie waren etwa so hoch wie der Durchmesser an der Basis der |
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Konstruktion: 15 Meter Durchmesser entsprechend etwa 15 Meter Höhe. |
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Das Basismauerwerk bedeckte etwa 50% der gesamten |
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Grundfläche der Konstruktion. |
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Mit zunehmender Höhe wurde das Mauerwerk schwächer ausgelegt; |
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von außen gesehen verjüngte sich die Konstruktion mit zunehmender Höhe (die Türme glichen im Aussehen etwa den Kühltürmen moderner Industrieanlagen), von innen gesehen weitete sich die Öffnung mit zunehmender Höhe. |
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| Grund- und Aufriss des Broch of Mousa, Shetland. |
(Mousa hat unmittelbar am Eingang keine Seitenkammern; dafür ist der Gang auf der Innenseite hinter dem Riegelwerk verbreitert, so dass zwei Verteidiger notfall einem Angreifer entgegentreten konnten.)
Viele dieser Türme wiesen im Innern ganz offensichtlich ein- bis zweistöckige, hölzerne Galerien auf, wodurch die verfügbare Nutzfläche innerhalb des Gebäudes erheblich vergrößert wurde. Dies kam mit Sicherheit einer Verwendung als Wohnturm entgegen. Für eine Verwendung als Wohnturm spricht auch, dass der Innenraum einiger Orkney-Brochs vollkommen mit steinernen Möbeln ausgestattet war, wie sie aus stein- und bronzezeitlichen Häusern der Inseln bekannt sind: Schränke, Betten, Kochstellen, Raumteiler ...
Es gibt aber deutliche Anzeichen dafür, dass sie zumindest zeitweise auch als Fluchtburgen oder Wehrtürme genutzt wurden, zumindest genutzt werden konnten:
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Die Brochs liegen fast ausnahmslos an Standorten, die eine natür- |
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liche Sicherheit boten: Auf Hügeln, auf Felsvorsprüngen, unmittelbar an Steilküsten und Kliffs, einige auf Inseln oder schmalen Halbinseln. |
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Bot das Gelände keinen natürlichen Schutz - etwa zu einer offenen |
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Landseite hin - finden wir häufig Befestigungen mit Wällen, Gräben und Mauern. |
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Der einzige Eingang war oftmals verstärkt und gut zu sichern, die |
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dort zu findenden Seitenkammern boten sogar Raum für Wachmannschaften, die einzeln eindringende Feinde leicht überwältigen konnten. So makaber es klingt: Die Leichen weniger gefallener Angreifer hätten ausgereicht, um den schmalen Gang hinter einer aufgebrochenen Tür, sofort wieder zu verstopfen. |
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Die Türme selbst waren auch Jahrhunderte später z.B. für die |
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Wikinger und ihre zweifelsohne bessere Waffentechnik uneinnehmbar. |
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Die Verteidiger konnten aus der Sicherheit relativ großer Höhe herab |
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Angreifer abwehren. Gab's keine Pfeile mehr, konnte man das Mauerwerk der Türme Zentimeter für Zentimeter abtragen, die einzelnen Steine als Wurfgeschosse verwenden, ohne die Struktur des Turmes zu gefährden. |
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Etliche Brochs wurden über Brunnen errichtet, konnten sich auch |
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damit selbst versorgen und so längeren Belagerungen standhalten. Stellt man sich vor, dass die Menschen auf den hölzernen Galerien wohnten, Vorräte in den überall zu beobachtenden Seitenkammern der Mauerwerke gelagert wurden, bot die Grundfläche im Innern genügend Raum, um selbst Vieh (zumindest Schafe und Schweine) als lebende Vorräte unterzubringen - soweit sie keinen weiteren Innenausbau hatte (s.o.). |
Auch die Frage, wer die Brochs erfunden hat bzw. von wo aus sie sich über Nordschottland verbreiteten, ist bis heute ungeklärt. Es gibt Theorien, die sehen den Ausgangsort einer originären Entwicklung auf den Orkney Inseln, u.a. weil es dort keine älteren Wehrbauten gibt, die als Vorbilder hätten dienen können. Andere sehen in der Isle of Skye den Ort der Entwicklung, gerade weil es dort ältere Wehrbauten gibt, die konstruktive Elemente der Brochs vorwegnehmen: die auch aus Irland bekannten früheisenzeitlichen galleried duns. Sie existieren auf Skye als halbrunde bis flachbogige forts, deren Mauerwerk gleichfalls aus einer Doppelmauer in dry-stone Bauweise ausgeführt ist. In der Literatur werden sie manchmals auch als Semi-Brochs bezeichnet.
Eines waren die Brochs aber mit Sicherheit nicht: pictish castles. Sie waren weder pictish castles im Sinne von Wohnsitzen irgendwelcher Piktenfürsten, noch pictish castles im Sinne von Flucht oder Wehrburgen der Pikten. Sie sind ganz einfach nicht piktischen Ursprungs. Der Begriff wurde von den frühen schottischen Archäologen in den Kindertagen der archäologischen Wissenschaft zu einer Zeit geprägt, als man sich einfach nicht vorstellen konnte, dass es vor den Pikten Bewohner Schottlands gegeben haben sollte, die zu solchen architektonischen und statischen Meisterleistungen fähig gewesen wären. Gegen den piktischen Ursprung sprechen mindestens zwei Argumente:
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die Verteilung der Brochs in Schottland |
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die Ergebnisse der archäologischen Forschung aus den 80er |
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Jahren des letzten Jh. |
Der Blick auf die Verteilung macht im Abgleich mit der flächenmäßigen Ausbreitung des Piktenreiches eines klar: 95% aller bis heute identifizierten Brochs hätten nur innerhalb des Piktenreiches Cat gelegen. Warum aber hätten nur die Pikten aus Cat über das Wissen und die Fähigkeit zum Bau der Brochs verfügen sollen, während alle anderen Archtekturformen wie auch alle künstlerisch-gestaltenden Fähig- und Fertigkeiten allen Pikten gemein waren?
Von den restlichen 5% der Brochs hätte gut die Hälfte - alle Unwägbarkeiten der unbekannten Grenzverläufe in Rechnung gestellt - klar außerhalb des piktischen Herrschafts- und Einflussbereiches gelegen. Dies gilt insbesondere für die in ihrem Vorkommen ohnehin nicht erklärbaren Ausliegervorkommen in Südschottland.
Wichtiger aber ist der archäologische Befund. Als man anfangs des letzten Jahrhunderts den Broch of Gurness freilegte, fand sich in den Erdschichten, die inzwischen die Brochruine überlagerten, eine architektonische Struktur unbekannter Herkunft und Alters. Da sie anders war als alles, was man bis dato in Schottland an baulichen Resten gefunden hatte, wurden die Trümmer erhalten und am Rande des Brochgeländes rekonstruiert.
Seit die Archäologin Anna Ritchie in den 80ger Jahren des letzten Jh. in Buckquoy auf Orkney erstmals Gebäudereste ergraben konnte, die man nach exakten Altersbestimmungen und Beifunden zweifelsfrei den Pikten zuordnen konnte, steht fest, dass es sich bei den Hausresten in den Erdschichten über dem Broch of Gurness eindeutig um ein piktisches Wohnhaus gehandelt hat. Die ältesten piktischen Siedlungsreste lagen getrennt durch eine natürlich gebildete Bodenschicht über den Resten der Brochruine, sie waren somit zweifelsfrei jüngeren Datums.
Die Brochs und ihre weitgehend unbekannten Erbauer repräsentieren eine vollkommen eigenständige Kulturform, vielleicht auch die letzte Kulturstufe einer jungsteinzeitlichen oder bronzezeitlichen Restbevölkerung, die sich in isolierten Lagen (Inseln, einzelnen Tälern und Küstenrandlagen) erhalten hatte. Heute weiß man, dass die Pikten erst zu einer Zeit in die Gebiete der nördlichen und westlichen Brochkulturen vordrangen, als diese Epoche bereits ihrem Ende entgegen ging. Mehr noch: Man weiß, dass die Pikten die Brochs und selbst die nur auf Shetland vorkommenden Nachfolgebauten (die wheelhouses) ihrerseits als willkommene Steinbrüche nutzten. Sie entnahmen aus diesen Bauten ohne große Mühe das Material für ihre eigenen Wohn- und Nutzbauten.
Weil aber der Begriff der "pictish castles" so schön historisch klingt und sich so gut gerade in der Fremdenverkehrswirtschaft vermarkten läßt, geistert er bis heute durch die bunte Welt der Prospekte und Broschürchen.
(tsp/ws)
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