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Das Steinzeitdorf von Skara Brae
Orkney verfügt über eine ganze Reihe steinzeitlicher Siedlungen. Die meisten von ihnen, darunter auch die in den letzten Jahren entdeckten Siedlungen, sind aber nicht der Öffentlichkeit zugänglich oder gar touristisch erschlossen. Sie bleiben ausschließlich der weiteren Forschung vorbehalten.

Von allen Siedlungen ist Skara Brae die größte, die bisher freigelegt wurde, und zugleich diejenige, die am besten erhalten blieb. Zusammen mit dem modernen Visitor Centre, in dem die Bau- und Entdeckungsgeschichte aber auch das jungsteinzeitliche Alltagsleben dokumentiert ist, gehört Skara Brae als eine der Hauptattraktionen heute zum Weltkulturerbe "The Heart of Neolithic Orkney".

1850 deckte ein gewaltiger Sturm die Grasschicht einer hohen Düne ab, die in der Umgebung als Skara Brae bekannt war und zerstäubte die darunter liegende Sandschicht in alle Himmelsrichtungen. Zum Vorschein kamen große Haufen von Küchenabfällen (Muschelschalen, Fischgräten, Nussschalen, Knochen u.ä.), in denen sich deutlich die Überreste von Mauern abhoben, die als dry stone Mauern ausgeführt waren. Die Archäologie als Wissenschaft war damals noch jung, hatte aber unter den gebildeten Schotten eine breite Anhängerschaft. Unter den Begeisterten war auch William Watt, der Laird of Skaill, auf dessen Grundbesitz Skara Brae lag. Unter seiner Führung wurden die losen Sandmassen ausgeräumt und zum Vorschein kam im Wesentlichen das, was man heute noch sieht: Ein nahezu komplett erhaltenes Dorf aus 10 identifizierbaren Einzelgebäuden, mitsamt ihrer steinernen Möblierung.

Der Dünensand hatte ein Dorf konserviert, das von etwa 3100 v.Chr. an für etwa 600 Jahre kontinuierlich bewohnt war, bevor es um 2500 v. Chr. aufgegeben wurde. Bautechnisch lassen sich dabei zwei Phasen unterscheiden: Ein jüngeres Dorf, das etwa zur Hälfte der Besiedlungszeit über den eingeebneten Resten eines älteren Dorfes erbaut worden war (dunkler dargestellte Teile in der Graphik). Da aber die jüngeren Häuser nicht alle exakt auf den Fundamenten der Vorgängerbauten errichtet wurden, blieben auch Reste des älteren Dorfes erhalten (die heller dargestellten Häuser 6, 9 und 10). Aufgrund der Begleitfunde ist aber gesichert, dass es sich um eine Dorfgemeinschaft gehandelt haben muss, die den Umbau im Verlauf von etwa einer Generation vorgenommen hat.

Technisch wurde nach identischen Verfahren gearbeitet. Das Mauerwerk wurde aus gebrochenen Flagstones als Trockenmauerwerk aufgeschichtet. Die Zwischenräume zwischen den Häusern wurden zur besseren Isolierung und zur Erhöhung der Stabilität mit Abfällen aus der Siedlung aufgefüllt, so dass der Eindruck entsteht, die Häuser seien teilweise ins Erdreich eingegraben worden. Untereinander waren die Häuser durch freigelassene Gänge in den Abfallbergen miteinander verbunden, die durch große Steinplatten abgedeckt wurden. So entstand der Eindruck von unterirdischen Gängen.

Der Hauptgang öffnete sich nach Westen hin zu einem kleinen Vorhof, der von einem Einzelhaus begrenzt wird. Die Häuser Nr. 1, 4 und 5 und einige ihrer Nebengelasse waren an eine Kanalisation angeschlossen, ähnlich wie die älteren Häuser Nr. 6 und 10 sowie die kleine Zelle zwischen Haus Nr. 4 und 5 (wie in der Graphik exemplarisch für Haus Nr. 1 und die Nische zwischen den Häusern 4 und 5 angedeuted). Die Kanäle dienten der Abwasserentsorgung, nicht der Frischwasserzufuhr.

Mauerartige Strukturen, die in der Südwestecke des Dorfgebietes erhalten sind, deuten darauf hin, dass das ganze Dorf zumindest landseitig von einer Mauer umgeben war. Ihre geringe Stärke macht aber eine Einfriedung wahrscheinlicher als eine "Verteidigungsanlage". Ob es Vergleichbares auch auf der Seeseite gegeben hat, läßt sich nicht mehr feststellen. Wenn es sie gegeben hat, dann sind sie ein Opfer des Meeres geworden, dessen ursprüngliche Küste zur Zeit der Besiedlung von Skara Brae etwa 300 bis 400 Meter weit von der heutigen Uferlinie entfernt gelegen hat.

Zur Seeseite hin müssen auch die Felder des Dorfes gelegen haben. Dass Ackerbau betrieben wurde, gilt als erwiesen; es ergibt sich aus verschiedenen Getreidesorten, von denen man verkohlte Körner in der Nähe der Feuerstellen gefunden hat, aber auch aus den querns, Reibemühlen, die in fast jedem Haus erhalten blieben.

Die großen Abfallberge belegen außerdem, dass die Bewohner neben dem Ackerbau auch Viehzucht und Fischerei betrieben. Schafe waren wohl die wichtigsten Nutztiere, die man hielt. Aus dem Meer dagegen wurde alles an Muscheln, Schnecken, Krustentieren und Fischen verarbeitet, dessen man irgendwie habhaft werden konnte. Selbst die großen, damals wohl nur schwer zu jagenden Seehunde und Schweinswale standen auf dem Speiseplan, der insgesamt längst nicht so eintönig war, wie man gemeinhin denkt.

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Die auffallendsten Objekte sind natürlich die Häuser selbst. Fast könnte man meinen, es handelt sich um moderne Typen-Häuser von einheitlicher Größe, interner Raumgliederung und Ausstattung. Nur sind die jüngeren Häuser durchweg größer, so dass mit Fug und Recht in diesem Umstand auch der Grund für den Umbau des Dorfes zu suchen ist.

Zu den immer wiederkehrenden Ausstattungsmerkmalen aller Häuser gehören: Der zentral in Raummitte gelegene Feuerplatz und seitlich angesiedelte Box-Beds. Bei den älteren Häusern sind die Betten in die dicken Mauern integriert, bei den jüngeren stehen sie aus großen Steinplatten zusammengefügt vor den Wänden im Innenraum. Beide Formen - die letzte allerdings aus Holz gefertigt - waren bis in die Neuzeit hinein auf Orkney üblich. Hinzu kommen Schränke aus Stein und Nischen in den Mauern. Letztere interpretierte man ursprünglich als weitere Möglichkeiten zur Aufbewahrung von Hausrat und Vorräten, wahrscheinlich haben sie aber eher als Aufenthaltsort für allerlei Kleintiere (Hühner, Enten, Schafe/Lämmer) gedient, so wie man es heute noch in den Entsprechungen der Farmmuseen auf Orkney (Corrigal und Kirbuster) beobachten kann. Dafür spricht auch, dass selbst einige dieser Nebengelasse an die Kanalisation angeschlossen waren.

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Haus Nr 1(li) und 7(re): Schrank (daneben Wassertank und Reibemühle), Betten, Feuerstelle
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Rekonstruktion neben dem Visitor Centre (li) Inmitten des Dorfes (re)

Ein Haus (Nr. 8) fällt aus diesem Standardschema heraus. Ursprünglich als eine Art Häuptlingshütte interpretiert, fand man bei späteren Nachgrabungen im Bodenbereich auffällig viele Splitter eines flintähnlichen Materials, die heute eine Interpretation als Werkstattgebäude wahrscheinlicher machen. Gestützt wird diese These dadurch, dass zwar die zentrale Feuerstelle vorhanden ist, die üblichen Möblierungen mit Box-Beds und Schrankmöbeln aber fehlen. Dafür erinnert es mit seinen "kleeblattartigen" Grundriss stark an Hausformen der Zeit in Shetland, aber auch viel jüngere Häuser der Pikten.

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Haus Nr. 8 - Die Werkstatt

Technisch gesehen gibt die Siedlung bis heute einige Rätsel auf, die wohl nie mehr geklärt werden können. Dazu gehören die Reste jüngeren - aber gleichfalls noch steinzeitlichen - Mauerwerks am Ostrand der Siedlung. Gab es eine dritte, jüngere Siedlung, deren Überreste bei einem nachfolgenden Meereseinbruch nahezu vollständig erodiert wurden, oder wurde Skara Brae aufgegeben, bevor diese Nachfolgesiedlung auch nur annähernd fertig war?

Woraus bestanden die Dächer der Häuser? Bis in die jüngste Zeit ging man von Kraggewölben aus, die sich aus den plattig brechenden Orkney-Sandsteinen leicht hätten bauen lassen. Man fand am Boden der Häuser aber keine entsprechenden Gesteinstrümmer. Darum wird heute auch vermutet, dass die Dächer aus wertvolleren Materialien gebaut waren: Auf Orkney kaum vorkommenden dicken Ästen (Treibholz), aus Wallrippen und Fellen (als Träger für darüber aufgebrachte Torfschichten), die bei Aufgabe der Siedlung sorgfältig abgebaut wurden. Solch wertvolle Materialien hätten die Bewohner sicherlich bei einem geordneten Umzug mitgenommen.

Dies spräche aber zugleich - wie die Tatsache, dass kaum Kleingeräte und Hausrat, bis auf eine Kette, ganz wenige Scherben, wenige mace heads (kunstvoll gearbeitete Köpfe von Steinkeulen) und nur kurze Seilstücke aus Heide gefunden wurden - gegen die Katastrophentheorie vom Untergang des Dorfes in einem Sandsturm um 2500 v. Chr. Viel wahrscheinlicher ist eine systematische Räumung und geplante Aufgabe des Dorfes aus welchem Grunde auch immer. Dabei wurde alles mitgenommen, was irgendwie leicht beweglich war. Zurück blieben nur die genannten Einzelstücke, die vielleicht der letzte Bewohner verloren hat.


(tsp/ws)
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