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| Highland Clearances - Versuch einer Relativierung |
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Unbestreitbar ist: Es hat sie gegeben. Aber schon der Begriff ist falsch, die Einschränkung auf die Highlands ungerechtfertigt. Clearances, als Ergebnis einer privatwirtschaftlich, nicht von der öffentlichen Hand betriebenen "Flurbereinigung", hat es ebenso in anderen Landesteilen, insbesondere auch den Uplands gegeben, sind darüber hinaus als zeitbedingtes Phänomen auf der ganzen britischen Insel zu beobachten.
Die in den meisten Fällen treibende Kraft hinter dem Vorgang: Die Erkenntnis der erstmals betriebswirtschaftlich, nicht mehr bäuerlich denkenden Großgrundbesitzer, dass durch die Gewinnung und Veredlung des Rohstoffes Wolle, auf dem nationalen wie internationalen Markt mehr Profit zu erzielen war, als mit anderen landwirtschaftlichen Rohstoffen - zumal auf Grenzertragsböden, wie sie in weiten Teilen Schottlands zu finden sind. Es war eine Zeit tiefgreifender Strukturveränderungen in allen Teilen der Landwirtschaft (also auch des Ackerbaus) mit einer weitgehenden Experimentierfreude (erste Aufforstungen) und Technisierung einerseits, der Übernahme frühindustrieller Formen der Betriebsführung andererseits.
Der Großgrundbesitz wurde erstmals als betriebliche Einheit gesehen, die als solche nach einheitlichen Grundsätzen bewirftschaftet und verwaltet werden musste. Ein Hinderungsgrund wurde dabei in dem an kleinbäuerlich wirtschaftende Pächter verpachteten Besitzanteilen gesehen. Objektiv betrachtet war der verfügbare Grundbesitz durch zahllose Pachtverhältnisse zersplittert, waren die einzelnen Pächter auf der Basis ihrer Erträge nicht in der Lage das Land ertragbringender zu bewirtschaften, fehlte es ihnen an Vermarktungsmöglichkeiten für die geringen Ertragsüberschüsse, die sie erwirtschafteten.
Richtig ist, dass es im Zuge der erforderlichen Flächenarrondierung zu Umsetzungen der ländlichen Bevölkerung in großem Stile kam. Richtig ist auch, dass die ehemaligen Pächter ihre weitgehende Selbständigkeit verloren. Richtig ist auch, dass viele der Betroffenen dies subjektiv als eine Art Vertreibung werteten und dann konsequenterweise die Auswanderung einer Umsetzung vorzogen. Gemessen an den Auswandererzahlen aus dem städtischen Proletariat war die ländliche Bevölkerung aber immer unterrepräsentiert.
Es gab aber auch Zwangsmaßnahmen und richtiggehende Vertreibungen der Bevölkerung aus ihrem angestammten wirtschaftlichen und sozialen Umfeld. Richtig ist es schließlich, dass es bei der Umsetzung der geplanten Maßnahmen auf einigen Grundbesitzen erst zu Exzessen seitens der Großgrundbesitzer und ihrer Verwalter kam (Sutherland burnings), dann zu handgreiflichen Protesten der betroffenen Landbevölkerung (Crofters War auf Skye und Lewis sowie vergleichbare Vorgänge in anderen Landesteilen).
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| Flur- und Siedlungswüstung als Folge der Clearances, Galtrigill, Isle of Skye |
Man muss, wenn man die Vorgänge insgesamt werten will, jedoch eines im Auge haben: Die schlimmsten Übergriffe gab es dort (Sutherland), wo vom Großgrundbesitz keine landwirtschaftlichen Ziele mehr verfolgt wurden. Hier ging es fast ausschließlich um die Schaffung großer Jagdreviere für den privaten Lustgewinn bzw. als Statussymbol. Dort, wo vorrangig agrarwirtschaftliche Interessen unabhängig von der wirtschaftlichen Ausrichtung des Betriebes im Vordergrund standen, lief der Prozess nicht immer und überall reibungslos, in der weit überwiegenden Mehrzahl aller Fälle jedoch für alle Beteiligten und Betroffenen erfolgreich. Dort, wo es zu heftigeren Auseinandersetzungen kam, lassen sich die Ursachen oftmals auf Fehlentscheidung der zumeist ortsfremden Verwalter bzw. jener Grundbesitzer zurückführen, die als ehemalige Verwalter von Großgrundbesitz inzwischen selbst zu Eigentümern mittlerer und größerer Einheiten geworden waren. Die Vorgänge im Crofters War auf Skye und die Rolle der Nicolsons und Fraser (hier Vertreter der Edinburgher Bankiers aus der gleichnamigen Familie von Großgrundbesitzern) legen dafür ein beredtes Zeugnis ab.
Noch eines darf man nicht übersehen: Die Hauptzeit der Highland Clearances vom Ende des 18. Jh. bis zur Mitte des 19. Jh. war die Zeit, als alle bedeutenden schottischen Zeitungen gegründet wurden. Die Highland Clearances, namentlich die negativen Auswüchse auf allen Seiten, waren das erste große sozialpolitische Thema der noch jungen Presse, allen voran der in den Verwaltungszentren der Highlands - Inverness und Aberdeen - gegründeten Blätter. Die Aufmerksamkeit, die der Gesamtvorgang damit erhielt, veranlasste schließlich die Regierung, eine Kommission zur Untersuchung der Vorfälle einzusetzen, die Crofters Commission, nach ihrem Vorsitzenden auch Napier Commission genannt. Ihre Aufgabe bestand darin, den gesamten Großgrundbesitz zu durchleuchten, aufgetretene Konflikte auf die Ursachen hin zu analysieren, positive wie negative Beispiele zu dokumentieren und auf dieser Basis Vorschläge für das weitere Regierungshandeln zu erarbeiten. Am Ende ihrer Arbeit stand die sogenannte Crofters Act, die das Verhältnis zwischen Großgrundbesitz und kleinbäuerlichen Pächtern neu regelte.
Das Rechtsgut Croft in der Form eines individuellen Besitzrechtes an Grund und Boden, Haus und Gut, das über die Jahrhunderte hinweg die traditionelle Form des Gemeinschaftsbesitzes namentlich in den Highlands und Islands in einem schleichenden, nicht codifizierten Prozess abgelöst hatte, wurde mitsamt den an diesem Besitz hängenden Rechten und Pflichten erstmals definiert.
In den Sitzungsprotokollen der Crofters Commission findet sich eine Vielzahl von Beispielen für gelungene und misslungene Umsetzungen von Clearances. Als eines der besonders positiven Beispiele wird das Verhalten der Balfours auf Shapinsay, Orkney, herausgestellt. Im Kern beschreibt es Maßnahmen die auch häufig auf dem Festland zu beobachten waren, besonders positiv verlaufen ist aber die konsequente Umsetzung als Ergebnis einer sehr gründlichen Vorbereitung durch den Grundbesitzer Col. David Balfour und des Verwalters Marcus Calder. Um zu vedeutlichen, wie Clearances auch ablaufen konnten und auch abliefen, werden Balfours Maßnahmen einmal in den verallgemeinerbaren Details dargestellt.
David Balfour hatte umfangreichen Besitz auf Orkney (die ganze Insel Shapinsay und im Zentrum Mainlands) aber auch auf dem Festland. Den Besitz auf Shapinsay und Mainland wandelte er in einen modernen Ackerbau- und Rinderzuchtbetrieb mit zwei Betriebseinheiten, den Besitz auf dem Festland gestaltete er (wie auf dem Festland allgemein üblich) für die Schafwirtschaft um. Um es vorwegzunehmen: Auch er überzeugte sein Pächter mit entsprechendem "Druck", auch bei ihm gab es Zwangsvertreibungen. Während seiner Abwesenheit rebellierten die Pächter auf Shapinsay gegen den Verwalter, drohten ihm mehrfach in der Öffentlichkeit Prügel an. Wieder zurück von seiner Italienreise fackelte Balfour nicht lange. Er stellte das Dutzend Kleinbauern vor die schlichte Alternative Entschuldigung oder Verweis von seinem Grundbesitz. Drei Pächter wollten sich nicht entschuldigen und wurden daraufhin der Insel verwiesen; aber nur sie als Person, ihren Familien wurde es freigestellt, auf der Insel zu bleiben.
Um optimale Betriebsflächen für seinen Hof auf Shapinsay zu gewinnen, mussten etwa 3 Dutzend Familien ihren kleinbäuerlichen Croft aufgeben. Sie wurden aber innerhalb des Grundbesitzes umgesetzt, was auch auf dem Festland die Regel war. Wie auch auf dem Festland baute Balfour für die Mehrheit der Familien ein komplett neues Dorf an der Küste (Balfour Village). Große Teile der im Zuge der Clearances umgesiedelten Familien kamen dadurch erstmals in den Genuss einer halbwegs zeitgemäßen Versorgung mit Wohnraum, der gewissen Mindeststandards hinsicht Belichtung und Belüftung, Wasserver- und -entsorgung entsprach. Überdurchschnittlich war allein der Standard, den Balfour realisierte: Fließend Wasser in jedem Haus, zentrale Kanalisation, pro Haus je ein Gasanschluss für einen Herd, eine Heizung und eine Lichtquelle ... wohl gemerkt wir reden hier vom ländlichen Raum um 1850. Hinzu kamen für die Siedlung: Dorfgemeinschaftshaus, Gemeinschaftsdusche und Krankenstation.
Die umgesiedelten Kleinbauern verloren durchweg ihre wirtschaftliche Selbständigkeit. Sie wurden Lohnarbeiter. Für den, der nicht im zentralen Landwirtschaftsbetrieb eingesetzt werden konnte, bestand so zu sagen eine "Umschulungspflicht" zu einem Handwerk, das von der Dorfgemeinschaft und dem neuen landwirtschaftlichen Großbetrieb gebraucht wurde. So wie sich viele der neugegründeten Küstenorte auf dem Festland zu Fischersiedlungen entwickelten, entwickelte sich Balfour Village zu einem Handwerkerdorf. Balfour ersetzte z.B. die über 30 Kleinmühlen der Crofter durch zwei große estate mills, in denen er Müller und Mechaniker als Vollzeitangestellte beschäftigte. Die Einkommen waren nicht unbedingt höher, aber in vielen Fällen sicherer. Erwerbslos wurde keiner, im Gegenteil es wurden zusätzlich neue Arbeitsplätze (wenngleich oftmals nur saisonale Arbeitsplätze) geschaffen. Auf dem Festland waren es die Arbeitsplätze in der Wollaufbereitung und -verarbeitung sowie der Fischerei und Fischverarbeitung, auf Shapinsay und Mainland vornehmlich in der Strohverarbeitung in Heimarbeit.
Natürlich bekam das Dorf eine Schule wie so viele der neuen oder gewachsenen schottischen Dörfer. Wie bedeutend allein dieser Zweig war, kann man daran erkennen, dass sich führende Architekten Schottlands wie Alexander Ross und David Bryce mit ihren Entwürfen für standardisierte "Grundschulbauten" an diesem Bauboom beteiligten. Auf Kosten der Großbetriebe wurden Lehrer eingestellt. De facto waren damit erstmals in der Fläche die Vorraussetzungen geschaffen, die schon länger bestehende Schulpflicht für Kinder in die Realität umzusetzen. Ganz Schottland erlebte geradezu einen Bildungsboom. Wohin man in den Folgejahren auch schauen mag, ob in die Verwaltung des kolonialen Empires oder die Managementetagen der Industriebetriebe an Clyde, Mercy, Thyne oder Severn: Die zahlenmäßig vergleichweise geringe schottische Bevölkerung stellte einen überproportional hohen Anteil an Verwaltungsbeamten und Managern.
Es geht nicht darum, die Vorgänge insgesamt nachträglich schön zu reden. Man muss sich aber klar machen, dass durch die vorangegangene Phasen der Romantisierung der schottischen Alltagswelt durch Scott u.a. und die scottish renaissance in der 1. Hälfte des 20. Jh. das Klischee des durch die bösen Engländer unterdrückten Schottlands fast nahtlos übertragen wurde auf das Klischee vom bösen Großgrundbesitzer (oftmals ja auch englischer Abstammung) und seinem ausbeuterischen Verhalten gegenüber den armen Kleinbauern. Das eine ist so falsch, wie das andere nicht richtig ist - beeinflusst aber bis heute selbst noch die wissenschaftliche Diskussion zum Thema Clearances.
Will man den Vorgängen einigermaßen gerecht werden, muss man z.B. auf der einen Seite den Namen und die Gedanken eines Jethro Tull, auf der anderen Seite den Namen und die Gedanken eines Robert Owen mitdenken. Dann vielleicht besteht eine Chance die Clearances als hochkomplexes Konglomerat von wirtschaftlichen und technischen, sozialen und historisch-politischen Problemen zu begreifen.
(tsp/ws)
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