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England vs. Scotland - Scotland vs. England

Ausgangslage
Im Rahmen einer solchen Website ist es kaum möglich, alle Facetten des besonderen Verhältnisses der beiden Nachbarstaaten aufzuzeigen. Allenfalls kann man auf den einen oder anderen Ansatzpunkt hinweisen, der vielleicht dazu anregt, einzelne Aspekte jenseits aller populistischen Darstellungen flankierend zu berücksichtigen bzw. selber im Detail zu recherchieren, um sich so ein eigenes Bild machen zu können.
Das Bild vom Verhältnis England vs. Scotland, wie es in vielen Köpfen verhaftet ist und etwa auch von der Fremdenverkehrswirtschaft mehr oder minder explizit vermarktet wird, zeigt vereinfacht England als Agressor, Schottland im steten Freiheitskampf die Agression abwehrend.
Dies ist nicht verwunderlich, wenn man sich vor Augen führt, an welchen Vorgängen sich dieses Bild orientiert. Es sind einerseits die Ereignisse, aus denen Schottland als Nation erst hervorging, namentlich die Wars of Independence des 13./14. Jahrhunderts; andererseits sind es die Ereignisse, die dem Ende des schottischen Königreiches respektive dessen Aufgehen im United Kingdom, d.h. erst der Union of the Crowns, dann der Union of Parlaments nachfolgten, namentlich die Jacobite Rebellions von 1689 bis 1745.
Hinsichtlich der Wars of Independence wird leicht vergessen, dass dem in sich weitgehend gefestigten Königreich England, wie es sich seit den Tagen Wilhelm des Eroberers entwickelte hatte, ein noch recht lockerer nationaler Verbund gegenüberstand, dessen einzelne Fraktionen durchaus unterschiedliche Ziele verfolgten, mitunter sogar ausgesprochen verfeindet waren. Parallel zum Kampf gegen den äußeren Feind wurde auf schottischer Seite ein "innenpolitischer Machtkampf" um die Ausgestaltung eines eigenen Reiches und um die Vorherrschaft in diesem Reich geführt, wobei beide Auseinandersetzungen mit wechselnden Koalitionen ausgefochten wurden. Bezeichnender Weise steht am Anfang der Auseinandersetzungen auf schottischer Seite eine Entscheidung, mit der man geradezu den "Bock zum Gärtner machte", in dem man die Frage der schottischen Thronfolge (Balliol) dem englischen König als Schiedsmann überließ.
Hinsichtlich der Jacobite Rebellion wird nur zu leicht übersehen, dass sich im eigentlichen Sinne gar nicht mehr England und Schottland gegenüberstanden. Betrachtet man sie einmal als "britische Angelegenheit", dann standen sich erst Schotten, danach gewählte Ausländer als rechtmäßige Throninhaber mit der gesamten Macht des britischen Königreiches und schottische Herausforderer gegenüber, die mit ihrer Gefolgschaft separatistische Ziele verfolgten. In beiden Lagern standen Schotten und Engländer, wenngleich auf Seiten der Briten mehr Schotten antraten als Engländer auf der Seite des Herausforderers.
Zumindest den Königen des Hauses Hannover kann man für ihr Handeln auch ganz andere Gründe unterstellen, als die reine Fortsetzung eines englisch-schottischen Streites mit anderen Mitteln. Sie versuchten das britische Königreich im Verhältnis zu den neuen kontinentalen Großmächten, insbesondere Frankreich und Preußen, zu positionieren und haben dabei jedwede innenpolitische Opposition diszipliniert und abgestraft: separatistische Schotten ebenso wie den aufbegehrenden englischen Adel.
Es fällt allerdings auf, dass abgesehen von jüngsten Ansätzen bei der Gesamtbetrachtung des englisch-schottischen Verhältnisses kaum einmal danach gefragt wird, wie es darum vor, zwischen und nach diesen beiden, sicherlich zentralen Ereignissen in der Geschichte der beiden Nationen ausgesehen hat. Dem soll einmal mit den nachstehenden Hinweisen nachgegangen werden.

Die frühen Jahre
In den Jahren, da beide Nationen noch nicht vollständig entwickelt waren, sehen wir oftmals ein ganz gegensätzliches Bild. Alba, das vereinte Königreich der Pikten und Skoten, war ein Königreich nördlich der Linie vom Clyde zum Firth und dieses Königreich griff mächtig nach Süden aus. An seiner Seite standen fast immer die benachbarten südwestlich gelegenen, britonischen Königreiche von Cumbria bzw. Strathclyde, die zeitweise gleichfalls ein vereinigtes Königreich bildeten.
Während sich im Norden der Britischen Insel die Lage derart "konsolidiert hatte", ging es im Süden beinahe drunter und drüber, bis schließlich 1016 Knut der Große die Macht im Königreich Wessex/England an sich riss, einige der verschiedenen angel-sächsisch geprägten Teilreiche vereinte und die Lage einigermaßen stabilisierte. Doch gleich nach seinem Tod zerfiel sein Reich wieder. England kam zunehmend unter die Kontrolle kontinentaler Geschlechter, die in rascher Abfolge die Könige stellten, bis 1042 wieder Abkömmlinge der alten Wessexlinie für noch einmal gut 20 Jahre an die Macht kamen.
Faktisch gab es für die Dauer von zwei Generationen ein Machtvakuum im südlichen Teil der Insel, das im Norden natürlich nicht unbemerkt blieb. Die Jahre unmittelbar vor und nach der Jahrtausendwende, sehen im Norden der Britischen Inseln ein schottisches Großkönigtum, dass mit seinen Verbündeten mächtig nach Süden vordringt.
Unter Malcolm I fielen etwa um 984 die nördlichen Teile des britonischen Königreichs Cumbria, d.h. Gebiete südlich des Solway Firth an Alba. Malcolm II griff mit seinen Verbündeten aus Strathclyde das eigenständige Northumbria (das nordwestlichste Königreich auf "englischem" Boden) an und sicherte 1018 mit der erfolgreich geschlagenen Schlacht von Carham Lothian, das damals die gesamte Region zwischen Forth und Tweed umfasste, für das schottische Königreich. Das Ereignis markiert zugleich das Ende des Königreichs Alba; es war eindeutig und dauerhaft etwas Neues entstanden, das in allen Belangen - territorial, politisch und kulturell - die Grenzen des vormaligen piktisch-skotischen Reiches sprengte.
1034 folgte Duncan, der Enkel Malcolms II, im Zuge einer geregelten Erbfolge auf den Thron des Königreichs Strathclyde. Mit seiner Thronbesteigung als Duncan I fiel Strathclyde - und damit die restlichen Gebiete im Südwesten "Schottlands" bis hinunter nach Carrick und Galloway - an die "schottischen Großkönige". Sie beherrschten damit erstmals ein Territorium, das etwa dem heutigen Schottland entspricht. In gut einer Generation war das "schottische Königreich" um mehr als ein Viertel gewachsen und hatte dabei seine Südgrenze um annähernd 200 Kilometer nach Süden verlagert.
Doch damit nicht genug: Nach 1060 stieß Malcolm III Canmore weiter nach Süden vor und griff die englischen Kernlande an. Er konnte zwar die restlichen Gebiete des heutigen Schottlands dauerhaft sichern, doch es gelang ihm kein entscheidender Schlag gegen Edward den Bekenner. Da sollte sich die Lage schlagartig ändern, als 1066 Wilhelm der Eroberer, Herzog der Normandie, die Patt-Situation auf der Insel nutzte, England über den Kanal hinweg angriff und das englische Kernland im Handstreich eroberte. Malcolm III verbündete sich daraufhin mit seinen ehemaligen Gegner und kämpfte mit ihnen gegen die normannischen Eroberer, musste sich aber 1072 Wilhelm dem Eroberer unterwerfen.
Genaugenommen war diese rund 12-jährige Kampagne Malcolms III die erste direkte Konfrontation zwischen "Schotten" und "Engländern", sieht man von beiderseitigen Attacken auf die zwischen ihren Reichen liegenden "Pufferstaaten" wie Northumbria einmal ab.
In den darauffolgenden Jahrzehnten scheinen sich die Vorzeichen umgekehrt zu haben. Unter der nach normannischem Vorbild straff organisierten Verwaltung, die fast alle in die Vergangenheit reichenden Traditionen kappte, entwickelte sich England rasch zu einer eigenständigen, in sich relativ geschlossenen Nation. Demgegenüber stagnierte die Entwicklung auf schottischem Boden, ja sie wurde geradezu ausgebremst dadurch, dass normannische Adlige über die Grenzen Englands hinaus nach Norden vordrangen und verstärkt in Northumbria und den erst kürzlich für Schottland gesicherten südlichen Gebieten siedelten. Dadurch wurden auf schottischem Boden die alten clan-orientierten Machtstrukturen mit den normannisch-feudalistischen Machtstrukturen konfrontiert.
Diese Konfrontation trieb einem ersten Höhepunkt entgegen, als David I den schottischen Thron bestieg. David, der jüngste Sohn Malcolm III, war jahrelang am englischen Hof erzogen worden. Als Schwager des englischen Königs Heinrich I regierte er zur Zeit Alexander I als 'Earl' im Süden Schottlands quasi einen Staat im Staate, der daneben auch noch ganz Northumbria umfasste. Als David Alexander nachfolgte reorganisierte er das schottische Staatswesen und die Kirche als staatstragende Institution strikt nach normannischem - bzw. zwischenzeitlich gewandeltem englischen - Vorbild.

Das Umfeld der schottischen Unabhängigkeitskriege
Was für die Schotten ein Unabhängigkeitskrieg (wenngleich mit sehr vielschichtigen Facetten) war, stellt sich aus englischer Sicht weitaus komplexer dar. Auf dem englischen Thron saßen die Plantagenets, französischer Adel, dessen Hausmacht - und damit bis zu 50 Prozent des englischen Königreiches - auf dem europäischen Kontinent und dort überwiegend im erstarkenden Königreich Frankreich lag. In nicht enden wollenden Kriegen zerbrach der kontinantale Reichsteil Englands, viel Stück um Stück an Frankreich.
In so fern ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass die Engländer in den Kriegspausen auf dem Kontinent versuchten, ihre alten Einflussgebiete im Norden der Britischen Insel zurückzugewinnen. Es läßt sich heute kaum noch abschätzen, in welchem Umfang die Engländer dabei versuchten, Einfluss im Nachbarstaat Schottland zu gewinnen, ihn gar zu beherrschen, bzw. ob sie im Kern ihrer Bemühungen nur auf den Aspekt "Grenzsicherung" bedacht waren.
Tatsächlich führten die Engländer einen Zwei-Fronten-Krieg vor dem Hintergrund, dass Frankreich und Schottland de facto so etwas wie eine Allianz bildeten. Dabei ist es absolut unerheblich, ob diese Allianz formell schon unter David I zustandegekommen war oder erst das Verdienst diplomatischer Aktivitäten von William Wallace und Robert I war (wobei die Aktenlage, d.h. die erhaltenen Verträge und ihre Daten eher für die zweite Variante spricht).
Zu keiner Zeit schafften es dabei die Engländer, weiter in schottisches Territorium vorzudringen und es vorübergehend zu beherrrschen, als im Gegenzug die Schotten immer wieder auf englisches Territorium vordrangen.
Militärisch gesehen endet die ganze Periode mit einem neuerlichen Patt auf der Insel - leichten Vorteilen auf Seiten der Engländer unter Edward I stehen ebensolche Vorteile der Schotten unter Robert I und gegen Edward II gegenüber. In der langfristigen Wirkung dieser Auseinandersetzung zeichnen sich aber gravierende Unterschiede ab. Schottland steht am Ende als weitgehend geeinte Nation da, während England sich außenpolitisch mit dem Untergang des Hauses Plantagenet in den 100jährigen Krieg mit Frankreich verstrickt, innenpolitisch mit den beginnenden Rosenkriegen zwischen den Königshäusern von Lancaster und York in ein bürgerkriegsähnliches Chaos fällt.
Ganz nüchtern betrachtet kann man festhalten: Die Tatsache, dass sich die schottische Nation in der Zeit nach Robert I weiter festigen und entwickeln konnte, verdankt sie ganz wesentlich der vorstehend beschriebenen doppelten Schwäche des englischen Konfliktpartners.
Für zusätzlichen, innenpolitischen Sprengstoff sorgte aber die Tatsache, dass sich Schottland zu einem feudal verfassten Staatswesen nach englischem Vorbild entwickelte. Es sollten also - und das macht für die weitere Betrachtung des schottisch-englischen Verhältnisses einen wesentlichen Unterschied - schottische Akteure sein, die nach englischem Muster und Wertesystem agierten. Für die auch schon in den Zeiten davor stark englisch geprägten Lowlands mag das akzeptabel gewesen sein, für die vom traditionellen Clansystem geprägten Highlands war es geradezu eine Provokation.
Die Folgewirkungen sind beträchtlich und reichen - aus heutiger Sicht - bis in die hintersten Winkel schottischen Bewusstseins. Deutlich wird dies etwa an den zum Ende des 14. Jahrhunderts ausbrechenden großen Clanfehden: Mehr als einmal stehen sich nicht alte Highlandsclans gegenüber, sondern alteingesessene Highlandclans kämpfen dabei gegen die aus Süden vordringenden "jungen" Hochland-Familien, die sich in den Highlands als neue Clans festsetzen - Familien wie die Kays, die Ogilvies oder die Fraser.

Bis zum Ende des schottischen Königreiches
Natürlich gab es auch in den folgenden Jahren immer wieder Kriege zwischen Schotten und Engländern. Allein sie endeten alle mit wechselndem Erfolg: Mal obsiegten die Schotten, mal die Engländer. Es gab daneben aber auch etwas ganz anderes: den ganz normalen Alltag. Dieser zeigt, dass die beiden spuveränen Staaten Schottland und England recht zivilisiert miteinander umgehen konnten und dabei Verfahrensmechanismen entwickelten, die auf dem europäischen Festland vergeblich zu suchen sind.
So hatten die Grenzregionen beider Reiche (auf englischer Seite die Borders, auf schottischer Seite die West, Middle und East Marches) einen ganz eigenständigen, einander sehr ähnlichen Status, der insbesondere durch ein eigenständiges Rechtswesen gekennzeichnet war. Auf dieser Basis bildeten sie jeweils so etwas wie einen Staat im Staate - und regelten etliche untereinander bestehende Probleme, ohne das Edinburgh oder London in irgendeiner Form aktiv werden mussten.
Für lange Zeit funtionierte das politische Instrument der Days of Truce absolut reibungslos: Die "Markgrafen" beider Reiche trafen sich in regelmäßigen Abständen, klärten die untereinander strittigen Fragen und vollzogen Rechtsakte in Vertretung der übergeordneten Staaten. Von der gemeinsamen Strafverfolgung grenzüberschreitend aktiver Straftäter, der Klärung von Zoll- und Handelsfragen bis hin zum Austausch offizieller Kriegsgefangener wurden für die Zeit hochbrisante Vorgänge auf dem sprichwörtlichen "kleinen Dienstweg" geregelt.
Solche Formen der zwischenstaatlichen Normalität früherer Jahrhunderte sind in späteren Jahren allerdings auf beiden Seiten weitgehend verdrängt worden.

Nach der Union of the Crowns
Neben den eingangs schon angeführten staatspolitischen Zusammenhängen und ihren Folgen darf man für diese Zeit aber nicht außer Betracht lassen, dass diese einher gingen mit einem durchgreifenden kulturpolitischem Umbruch. Zu nennen ist hier insbesondere die gewaltsame Durchsetzung der protestantischen - englischen - Kirchenverfassung, in deren Folge es in Schottland zu einer Spaltung der Gesellschaft bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen kam. Damit kam nach langen Jahren (wieder) eine wesentlich stärker emotionsgeladene Komponente ins Spiel, als dies bei den nachbarschaftlichen Kriegen zuvor der Fall war.
Etwa für die religiöse Anschauung der einen Seite einzustehen, hieß zugleich, die andere Nation, den anderen Staat zu "verraten". Vereinfacht kann man sagen: Guter Schotte war jeder Katholik, der bereit war, gegen die bösen, protestantischen Engländer anzutreten. Dabei spielte es überhaupt keine Rolle mehr, ob dieser "Schotte" eigentlich seine Wurzeln im englischen Lake District hatte, oder ob der "böse Engländer" auf dem britischen Thron von der Abstammung her Schotte oder Ausländer war.
Der Gipfel der Konfusion war dann mit Culloden erreicht. Nominell traten gegeneinander das Britische Reich und schottische Separatisten an; tatsächlich gekämpft hat ein um Ausländer verstärktes Kontingent schottisch-königstreuer Nationalisten gegen eine britische Regierungsarmee, in der schottische Regimenter (die ältesten Regimenter der britischen Armee überhaupt) die Hauptlast trugen. Man kann die Sache drehen und wenden, wie man will, von einem klassisch englisch-schottischen Konflikt ist nichts mehr erkennbar.

Fazit
Das englisch-schottische Verhältnis unterscheidet sich über die Jahrhunderte betrachtet faktisch durch nichts von staatlichen Nachbarschaftsverhältnissen auf dem Kontinent. Dennoch ist die Wahrnehmung in vielen Fällen deutlich anders. Sucht man nach den Ursachen dafür, bleiben eigentlich nur wenige Komplexe übrig:
Da ist einmal die simple Tatsache, dass Schottland (sieht man von frühgeschichtlichen Ereignissen aus der Zeit vor der Entstehung der schottischen Nation ab) für die Gesamtdauer seines Bestandes als eigene Nation bzw. souveräner Staat keinen anderen außenpolitischen Gegner hatte, als eben den einen Nachbarn auf der Insel, als England. Wenn, dann ging jedwede Bedrohung faktisch von diesem "Feind" aus … und hinzu kommt, dass die Streitereien unabhängig vom Erfolg überwiegend auf schottischem Boden ausgetragen wurden. Wie stark so etwas das "Gedächtnis einer Nation" prägen kann, wird schnell klar, wenn man sich vergleichsweise das Deutsch-Französische-Verhältnis der letzten Jahrhunderte anschaut.
Dann ist da die "schottische Romantik", die hier weniger als auf dem Kontinent eine breite kulturelle Strömung war, sondern einherging mit einer von höchsten staatlichen (königlichen) Kreisen gebilligten, wenn nicht gar geförderten politischen Vergangenheitsbewältigung. Diese trug ausgeprägt nationalistische Züge, überzeichnete die lange zurückliegende Phase der Unabhängigkeitskriege ebenso drastisch, wie dies ähnlich nur noch in Deutschland und bezogen auf die Staufer-(Barbarossa-)Herrlichkeit zu verzeichnen ist. Als eine Art Ablenkungsmanöver blockierte sie damit aber auch die intensivere Aufarbeitung der jüngeren historischen Ereignisse. Mehr noch: Sie reduzierte die notwendige inhaltliche Auseinandersetzung auf reine Äußerlichkeiten wie Fragen der Tracht (Kilt) oder scheinbar kulturelle Eigenständigkeit verkörpernde Symbole wie den (weltweit unter Hirtenvölkern verbreiteten) Dudelsack.
Zum dritten ist da das konkrete Verwaltungshandeln erst der englischen, dann der britischen Regierungen - und hierin sind unter Umständen wesentlich nachhaltiger wirkende Faktoren zu suchen, als in der Militär- bzw. Kriegsgeschichte der beiden Staaten. Als Schottland im Vereinigten Königreich aufging, war es als Staat praktisch bankrott. Es ist müßig zu diskutieren, ob England nun Schottland in den wirtschaftlichen Ruin getrieben hat (einige Punkte etwa im Zusammenhang mit dem "Darien-Projekt" sprechen dafür) oder diesen auch nur billigend in Kauf genommen hat, solange ein Fakt bestehen bleibt: "Großbritannien" hat sich in Schottland aufgeführt, wie eine Kolonialmacht. Insbesondere im 19. und 20. Jahrhundert. Es förderte Investitionen (unabhängig von der englischen oder schottischen Nationalität des Investors) nur unter "britischen Gesichtspunkten". Die Entwicklung am Clyde rund um Glasgow steht dafür, wie die Entwicklung der insustriellen Vororte von Edinburgh (Leith) oder in Standorten wie Dundee. Es reduzierte nicht nur Schottland auf Edinburgh, so wie es England auf London als Machtzentrum des Empire reduzierte, sondern betrachtete die Region rein unter Kosten-Nutzen-Aspekten, nutzte mit dem Bau von Militärstützpunkten oder Atomkraftanlagen die Region nach geradezu kolonialistischen Mustern aus. So wie beim Aufbau der Industrien handelte London auch bei deren Niedergang bis in die jüngste Verganheit hinein: Schottlands Kohlebergbau starb vor dem englischen, wie die Stahlindustrie, wie der Schiffbau …
Letztlich darf ein ganz wesentlicher Einfluss nicht übersehen werden, durch den das "Geschichtsbild" - gerade auch wie es sich im Internet wiederspeigelt - von außen her beeinflusst, wenn heutzutage nicht gar geprägt wird: Gemeint sind etwa die unzähligen us-amerikanischen und kanadischen Internet-Seiten der Nachkommen schottischer Auswanderer. Sie transportieren - bei allen unterstellt guten Absichten - nicht nur das überlieferte Geschichtsbild des 18. und 19. Jahrhunderts, sondern "zementieren" es als eine Art "Zitierkartell" geradezu. Hinzu kommt die Tatsache, dass sie oftmals ganz seriös aufgemacht sind, scheinbar authentisch "schottische" Herausgeber in Form von Clan-Gesellschaften und dergleichen aufweisen und dadurch kaum von "original schottischen" Quellen zu unterscheiden sind. Gepaart mit einem "back to the roots" Tourismus, der für die schottische Volkswirtschaft einen keinesfalls zu vernachlässigenden Wirtschaftsfaktor darstellt, blockiert dies zusätzlich die Akzeptanz neuerer historischer Erkenntnisse durch die breite Öffentlichkeit.
… und solange es einen Schottland-Tourismus gibt, spielt z.B. die Fremdenverkehrswirtschaft munter auf dieser Klaviatur mit: Sie kolportiert gleichfalls unbeschadet neuer Erkenntnisse das Geschichtsbild des 19. Jahrhunderts, vermarktet die Natur mit eben den Argumenten, mit denen London jahrelang seine Großprojekte durchsetzte.


(tsp/ws)
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