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 Kultur Literatur & Dichtung [ zurück ]
Poet's Pub - Hugh MacDiarmid & Die Schottische Renaissance
Dudelsack und Kilt, Whisky und Seeungeheuer - darüber ein blauer Himmel getragen von zwei weißen Kreuzbalken, im Hintergrund ein gälisch gesungenes Liebeslied, angestimmt von einer Jungfrau in ebenso unberührter Natur. Selten wird ein Land so vollständig und brutal auf eine Hand voller Klischees reduziert, wie Schottland etwa von seiner offiziellen Tourismuswerbung. Dabei geht es nicht einmal nur um den Kommerz und schnöden Mamon.

Das Bild entspricht vielmehr einer Kulturtradition, die sich in Schottland in den letzten 200 bis 250 Jahren entwickelt hat, die bewusst oder unbewusst von vielen Schotten selbst mit Hingabe gepflegt wurde. Es wurde nicht als vermarktungsfähiges Image geschaffen, sondern der Markt - zumal in den Bereichen Touristik und Belletristik - hat sich um diesen Ausdruck von historischem und kulturellem Bewusstsein herum entwickelt und ihn mit zunehmendem Erfolg geradezu zementiert.

Gegen diese kulturelle und damit letztlich auch politische Selbstverstümmelung hat sich zu allen Zeiten Widerstand geregt, der außerhalb Schottlands kaum wahrgenommen wurde, der aber im Binnenverhältnis mehr bewegt hat, als dem ersten Augenschein nach wahrnehmbar ist. Einem, wenn nicht dem profiliertesten Vertreter dieses Widerstands, soll mit dem nachstehenden Artikel etwas Aufmerksamkeit geschenkt werden:

MacDiarmid als Dichter und Kulturkritiker
"Merkwürdigerweise werden die Jahre zwischen den Kriegen, die durch bittere Armut und Not gekennzeichnet waren, von vielen Akademikern als Quelle einer neuen schottisch kulturellen Renaissance angesehen. Es war zumindest ein Wiedererwachen auf literarischem Gebiet, angeführt von dem Dichter C.M. Grieve, besser bekannt als Hugh MacDiarmid.

Hugh MacDiarmid als "Lion with the Pen" - zeitgenössische Karrikatur aus "The Scotsman"

MacDiarmid's poetische Mission war nichts weniger als die kulturelle Wiederauferstehung Schottlands, das in jener Zeit und mit seinen Augen nur noch eine pathetische Parodie des alten, in Tartan gekleideten Schottlands war - eine Sammulung kulturellen Abfalls, verursacht durch die Hingabe an einen sentimentalen Begriff des Schottischen. Bei seinen Versuchen, das kulturelle Selbstvertrauen zu stärken, betrachtete MacDiarmid es als notwendig, Schottland von dem Joch der Anglisierung zu befreien, die über hunderte von Jahren jeden neuen und originären Ausdruck nationalen Charakters effektiv unterdrückt hatte. Zu diesem Zwecke bediente er sich des Gebrauchs des Old Scots oder "Lallans", wie die neue Form genannt wurde, eines synthetischen Dialektes (1), der sich aus vielen verschiedenen Bereichen der schottischen Sprache, gesprochen in verschiedenen Zeiten und verschiedenen Teilen des Landes, bediente. Obwohl MacDiarmid auch auf Englisch schrieb, sind die meisten seiner bekanntesten Werke in Scots verfasst. Darunter ist auch "A Drunk Man looks at the Thistle" (1926), eine epische Kritik schottischer Kultur aus der ausschweifenden, trunkenen Perspektive des Dichters. Dieses Gedicht zeigt deutlich den Abscheu MacDiarmid's gegenüber der modernen schottischen Kultur mit all ihrer schmeichelnden und lieblichen Anmaßungen im Angesicht sozialer Kälte und intellektueller Unfruchtbarkeit. Der trunkene und doch gewandte dichterische Angriff zielt in Richtung der "Burns Supper Coterie", diverser literarischer Zirkel, ihrer nichtssagenden Rhetorik, dem hohlen Zelebrieren des schottischen Barden und dem fast gänzlichen Mißverständnis des Radikalismus und des Glaubens an die Gleichberechtigung, die Burns mit seinen Versen verficht. MacDiarmid nimmt wahrlich seinen Platz unter den mittelalterlichen schottischen "Makars" ein, wenn er in diese poetische Tonart verfällt und er würde sich in deren Tradition des "flytings" wohl sehr heimisch gefühlt haben. (2)

MacDiarmid war ein Widerspruch in sich, als Mann und als Dichter. 1928 war er Gründungsmitglied der Schottischen National Party, wurde aber 1933 wegen seiner extremen Ideen aus der Partei ausgeschlossen; er war bekennender Kommunist, wurde jedoch nach 4 Jahren auch aus dieser Partei ausgeschlossen, ein Kampf, der sich in seinen "Hymns to Lenin" widerspiegelt. In seiner Dichtung war er Modernist, was Objektivität, persönliche Zurücknahme und letztendlich Elitismus bedeutet - aber diese Kategorisierung passt auch nicht und wird zwangsläufig durch sein offenkundiges soziales und politisches Bewusstsein gemildert. Für MacDiarmid selbst bargen all diese Eigenschaften - wenn überhaupt, dann - nur geringen Anlass zum Konflikt.

MacDiarmid war ein sehr kraftvoller Wortführer, der die schottische Kultur enorm beinflusste, allerdings war die von ihm angestrebte allgemeine Belebung der hohen Kultur vielleicht ein wenig unrealistisch innerhalb der Masse der Arbeiterklasse, die derzeit eine schreckliche ökonomische Depression durchlitt. Er blieb ein zänkisches Rätsel und war, obwohl unzweifelhaft ein großer Dichter, zu elitär, um solche kulturellen Bestrebungen in der allgemeinen Denkart zu beleben. Er betrauerte oft die Tatsache, dass seine Bundesgenossen so fußballbesessen waren (siehe sein Gedicht "Glasgow", 1960) und dass man schottische Kultur allgemein nur mit sentimentalen Music-Hall-Songs in Verbindung brachte, die die Geschichte eines "Niemals-je-gewesenen-Landes" glorifizierten; mit victorianischer "Gartenlauben" Literatur (3) und mit Shortbread-Schottenkaro, die nur noch von den heuchlerisch-dichterischen Feiereien der Burns-Nights übertroffen wurde.

MacDiarmid protestierte gegen eine subtile aber mächtig Art des kulturellen Imperialismus und sein Kampf spiegelt sich in anderen Staaten des britischen Empire wider, die ihre eigene Sprache und Kultur ebenfalls "angepasst" und anglisiert hatten. Sein Gebrauch der schottischen Sprache ist eine Einforderung nicht nur einer Umgangssprache, sondern auch der Lebensart, der Tonart und des Rhythmus des Denkens: eines nationalen Bewusstseins. Dies ist sein lietrarisches Manifest, das von vielen schottischen Schriftstellern aufgenommen worden ist, ob sie nun mit seinen nationalistischen Bestrebungen übereinstimmen oder auch nicht. Er nahm entschlossen die Zusammenstellung eines Establishments der schottisch-literarischen Renaissace in Angriff und war in gewisser Hinsicht auch erfolgreich. Unter diesen anderen Schriftstellern sind Lewis Grassic Gibbon, Edwin Muir (der später ein bekannter Kritiker MacDiarmids wurde), Neil Gunn, Fionn MacColla, William Soutar, Sydney Goodsir Smith und Norman MacCaig genauso, wie moderne Schriftsteller wie Tom Leonard, James Kelman und Irvine Welsh, die vielleicht alle vor MacDiarmids Politik zurückschrecken mögen, aber dennoch in der Tradition der kulturellen Rückgewinnung und des entschlossenen Gebrauchs der regional verschiedenen Scots Dialekte weiterschreiben. MacDiarmid mag nicht erreicht haben, seine eigenen strikten Ziele in die vollständige kulturelle Transformation Schottlands einzuführen, aber er hat unzweifelhaft späteren Künstlern den Fehdehandschuh zugeworfen und sie herausgefordert, eine neue und charkteristische "Schottische Stimme" zu finden."

Biographisches
Hugh MacDiarmid wurde am 11. August 1892 als Christopher Murray Grieve in Langholm, Dumfriesshire, geboren. Seinen späteren Radikalismus schrieb er einerseits seinem Vater, einem Landpostboten, als Erbe zu, andererseits führte er ihn auf die strikt auf Unabhängigkeit bedachte Tradition der Gemeinde zurück, in der er aufwuchs. Einer seiner Lehrer an der Langholm Academy war Francis George Scott, der später zahlreiche seiner Gedichte und Gesänge vertonen sollte. Zur Dichtung und Schriftstellerei kam er durch George Ogilvie, der als väterlicher Freund seine Studienjahre in Edinburgh begleitete. 1911, nach dem Tod des Vaters widmete sich Grieve dem Journalismus, diente von 1915 bis 1920 als Sanitäter in der Armee, bevor er sich ab 1921 wiederum als Journalist in Montrose niederließ.

In Montrose veröffentlichte er seine ersten Werke, erst in Zeitschriften, dann das erste Buch (Annals of the five senses, 1923) und hier geschah es auch, dass er sich erstmals aktiv in die (Kommunal-)Politik einmischte. Ein weitsichtiger Rezensent seiner ersten Originalveröffentlichung merkte bereits damals an:

... in the belief that Scotland still has something to say to the imagination of mankind, something that she alone among the nations can say only in her native tongue.

A Drunk man looks at the thistle, allgemein als sein Hauptwerk gesehen, erschien 1926.

Daneben verfasste er zahlreiche Artikel für das Scottish educational journal. Mit diesen vielbeachteten Contemporary Scottish studies gab er der literarischen Szene Schottlands eine neue Perspektive, wobei er alles und jeden aus dem Establischment angriff. Als sie 1926 erstmals im Zusammenhang publiziert wurden, gab es einen ersten "kulturpolitischen Skandal".

1931 folgte ein zweiter mit MacDiarmid's First hymn to Lenin, die das kommunistische Bewusstsein zahlreicher englischer Autoren förderte und prägte: Auden, Spender, und Day Lewis. 1931 endete auch seine erste Ehe, die während des ersten Weltkriegs geschlossen worden war. In seiner zweiten Ehefrau fand er mit Valda Trevlyn eine kongeniale Partnerin, literarisch wie politisch. 1933 zogen sich die Grieves aus dem politischen Rampenlicht zurück und gingen für neun Jahre auf die Shetlandinsel Whalsay.

Sodom Cottage, Whalsay/Shetland - Das ehemalige Wohnhaus MacDiarmids dient heute als Camping Böd

Ständig gegen die Herausforderungen von Armut und Einsamkeit kämpfend verfasste Grieve hier ab 1934 drei seiner wichtigsten Werke: Die Scottish Scene eine Textsammlung (gemeinsam mit Lewis Grassic Gibbon), At the Signe of the Thistle, eine Sammlung von Essays und die Gedichtsammlung Stony Limits, in der er erstmals seine theoretischen Vorstellungen von einem korrekten Gebrauch der englischen Sprache (in Schottland) umsetzte. 1936 folgten die Scottish Eccentrics (auch von vielen Freunden als sein literarischer Abgesang missverstanden) und 1939 The Islands of Scotland ein idiosynkratischer Blick auf die Hebriden, Orkney und Shetland. 1943 erschien MacDiarmids höchst individuelle und außergewöhnliche Autobiographie Lucky poet: a self-study in literature and political ideas - eine faszinierende, den Verstand herausfordernde Mischung aus Prosa und Gedichten, chaotisch und irritierend, aber mit jeder Zeile anregend und voll von interessanten Ideen: ein einzigartiges Buch.

Es sollten noch weitere Arbeiten folgen. Insgesamt schuf MacDiarmid über 30 Hauptwerke, vieles davon vorab publiziert in Zeitschriften und wissenschaftlichen Journalen. Viele seiner Gedichte zitieren Inhalte und Stilelemente von Zeitgenossen, namentlich James Joyce und Yeats, mit denen er sich in ständigem Wettbewerb sah. Dabei stehen rein mundartliche Dichtungen wie seine Shetlandgedichte in Stony Limits neben politischen Protest- und Propagandewerken in englischer Sprache, rein linguistische Experimente neben profunden Meditationen (On a raised Beach) oder einem Juwel wie der weithin bekannte Vierzeiler The Little White Rose - vielleicht die seit den Tagen von Burns meistzitierten Gedichtzeilen in Schottland.

Hugh MacDiarmid alias Cristopher Michael Grieve - Aufgenommen anläßlich seines 80. Geburtstags vor seinem Cottage bei Biggar

1951 zogen die Grieves in ein Cottage in der Nähe von Biggar, das bis zum Tod am 9. September 1978 die letzte Heimat MacDiarmids blieb. MacDiarmid ist kein einfach zu lesender und zu verstehender Dichter, obwohl er sehr einfach und direkt sein kann. Auf der einen Seite kämpferisch und widersprüchlich auf der anderen Seite freundlich und großzügig, scheint er aber vor allem mit seinem Spätwerk die Form gefunden zu haben, nach der er von Anfang an strebte.

Wer sich ihm nähern will, der sollte dies nicht unbedingt über die Complete Poems, die zweibändige Gesamtausgabe seiner Gedichte tun. Das 1500 Druckseiten umfassende Werk (herausgegeben von seinem Sohn Michael Grieve und WR Aitken) erschlägt jeden. Die Selected Poems (herausgegeben von Alan Riach und Michael Grieve) eignen sich mit ihrer hervorragenden Einführung besser. Einen guten Einstieg vermittelt auch The Thistle Rises, eine Anthologie von Texten und Gedichten, herausgegeben von Alan Bold, dem wohl besten Grieve-Kenner und Biographen (MacDiarmid), der auch den Briefnachlass editiert hat. Bei A Drunk man looks at the thistle empfiehlt es sich, das Werk in der sorgfälltig kommentierten Ausgabe von Kenneth Buthlay zu lesen. Beim Lable Scotsoun erschien eine größere Anzahl von Hörtexten.

Anmerkungen:

Der Artikel, der den Kern dieses Beitrags ausmacht, entstammt dem der Literatur gewidmeten Teil der Homepage der BBC und wurde von uns nur übersetzt und mit den allernötigsten Anmerkungen verständlich gemacht.
(1) Lallans, sprachwissenschaftlich auch Synthetic Scots genannt
(2) Das schottische Wort Makar qualifiziert den Autor oder Poeten als erfahrenen und vielseitigen Handwerker in der Kunst des Schreibens; "flyting" beschreibt eine Art poetischen Wettkampf unter besagten Makars, in dem sie sich auf hohem Niveau in heftigen und übertriebenen Beschimpfungen und Flüchen messen.
(3) Wörtlich heißt es im Original "kaleyard literature", vielleicht noch zu übersetzen mit "Liedern aus dem Küchengarten".


(tsp/ws)

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