Zweimal im Jahr, nämlich am Heiligen Abend und nach Geschäftsschluss an Silvester verbarrikadieren die Hausbesitzer und Geschäftsleute ihre Häuser entlang der kleinen Straßen in der Innenstadt von Kirkwall. Sie bereiten sich auf 'The Ba'' vor, das traditionelle Ballspiel der Stadt, das an den folgenden Tagen, dem 1. Weihnachtstag und an Neujahr gespielt wird.
Uppies and Doonies - Die "Mannschaften "
Die Männer und Jungen der Stadt verteilen sich nach ihrem Geburtsort automatisch auf zwei "Mannschaften": die 'Uppies' und die 'Doonies'. Alle, deren Elternhaus nördlich der St Magnus Kathedrale stand, leben 'Doon-the-Gates' und zählen zu den 'Doonies', alle anderen sind 'Up-the-Gates' beheimatet, gehören also zu den 'Uppies'.
Heutzutage jedoch zählen Familientraditionen mehr, als der konkrete Geburtsort eines einzelnen Spielers oder der Standort seiner derzeitigen Wohnung. Viele Teilnehmer treten aus dieser Tradition heraus für den Stadtteil an, für den schon ihre Großväter und Väter gekämpft haben.
Man kennt sich, jeder kann mitmachen und jeder weiß, wer auf welcher Seite steht, auch wenn es keine Trikots oder ähnliche Erkennungszeichen gibt, anhand derer ein ortsfremder Zuschauer die Mannschaften auseinanderhalten kann. Es gibt keine Mannschaftsaufstellungen, keine Mannschaftsstärke, nur eine Unterscheidung nach Altersklassen: Boys (bis 16 Jahre) und Men.
Genau betrachtet, ist all dies auch nicht nötig, denn was vordergründig als "Mannschaft" in Erscheinung tritt, verfolgt das gemeinsame Ziel nur bis zu einem gewissen Punkt. Ist eines der beiden Ziele in Sichtweite, spielt eh nur noch jeder für sich. Gewinner ist nämlich "die Mannschaft", der Stadtteil, auch nicht der einzelne Spieler, der den Ba' ins Ziel trägt. Sicher, ihm wird im ersten Moment viel Ruhm und Ehre zuteil. Zum Gewinner des Ba' wird aber ein Spieler aus der "siegreichen Mannschaft" ausgerufen, der sich über Jahre als erfolgreicher und für seinen Stadtteil wertvoller Spieler profiliert hat. Mit ihm und für ihn als Person können sich dann wieder alle gemeinsam freuen.
Das macht den Ba' einerseits zur außergewöhnlich begehrten Trophäe, hält aber andererseits mögliche Rivalitäten zwischen den Stadtquartieren und innerhalb der Mannschaften in Grenzen.
The Ba'
Jedes Spiel wird mit einem neuen "Ball" gespielt, der nach Abschluss des Spiels dem Gewinner als Trophäe übergeben wird. Meist wird der Ball von einem Gewinner früherer Jahre gestiftet. Die Ehre einen Ball stiften und bei Spielbeginn in die Menge werfen zu dürfen, zählt heute wie die Ehre, einen Ball herstellen zu dürfen, fast ebensoviel wie der Gewinn der Trophäe selbst.
Es gibt nur noch einige wenige Handwerker (Schuster), die den Ball in Handarbeit fertigen können. Die verschiedenfarbigen Lederstücke werden in Handarbeit (gilt allgemein als haltbarer denn die Maschinennaht) zu einer Kugelform zusammengenäht. Diese wird dann mit Korkstaub gefüllt, so dass eine gleichmäßig runde, nicht zu schwere Kugel von etwa der Größe eines Handballs entsteht. Diese Art der Herstellung macht die Kugel nicht nur sehr hart, sondern stellt auch sicher, dass sie im Ziel der Doonies, dem Kirkwall Basin, nicht untergeht, sondern an der Oberfläche des Hafenbeckens schwimmt.
Der harte, mit Kork gefüllte Ba' wurde in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts eingeführt, als sich das Spiel vom einfachen Straßenfußball (gespielt mit einer aufgeblasenen, durch Lederriemen verstärkten Schweineblase) in die heutige, etwas ruppigere Form eines "Straßen-Rugby" entwickelte. Als die Tradition der Ba'-Fertigung über den 2. Weltkrieg hinweg in Vergessenheit geraten war, wurden einige der alten Ba's ein zweites und ein drittes Mal "gestiftet", um das Spiel überhaupt durchführen zu können.
Nach den Erfahrungswerten alter 'ba' maker' dauert es mindestens rund vier Tage, bis so ein Ba' fertig ist. Davon werden allein zwei Tage für die Näharbeiten benötigt, die restlichen beiden Tage für das Stopfen und das abschließende Dekorieren der Kugel, wobei immer im Wechsel jedes zweite Lederfeld schwarz angemalt wird. Der fertige Ba' für das Spiel der Männer wiegt rund 3 britische Pfund und hat einen Umfang von ca. 28 inches, der für das Spiel der Jungen ist etwas kleiner und leichter. In den letzten Wochen vor den Wettkampftagen wandert der Ba' durch die Schaufenster der Kirkwaller Läden, damit sich ein jeder von der Qualität des Ba' überzeugen kann.
Das Spiel beginnt
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| Es tut sich was ... |
Der siegreiche Uppie muss mit dem Ba' eine bestimmte Mauerstelle am Südrand der Innenstadt berühren, während die Doonies den Ball ins Wasser des nördlich gelegenen Hafens spielen müssen.
Ist der Ball einmal in der Menge gelandet, entsteht sofort ein dichtes Gedränge der jüngsten und kräftigsten Männer im Kampf um die Kugel. Einige erfahrene, ältere Spieler beider Seiten sichern dagegen das Gedränge ab, um mögliche Ausbruchsversuche frühzeitig abzufangen. Es gilt Geländegewinne der jeweils anderen Seite so gering wie möglich zu halten.
Die Straßen werden nach und nach zum Spielfeld und mit heftigen Schubsen und Ziehen geht es mal in die eine Richtung, dann wieder ein paar Meter in die andere. Dabei kommt es sehr oft vor, dass die Mehrheit der Spieler überhaupt nicht mehr weiß, wo sich der Ba' eigentlich genau befindet. Gelangt der Ba' aus einem Gedrängen heraus, entsteht schlagartig das größte Chaos. Meist sind die ausreißenden Spieler aber schnell wieder eingefangen und die 'scrum', das Gedränge, formiert sich neu.
Im Laufe der Jahre wurden viele Taktiken entwickelt. 'To smuggle the ba' ', die Kugel irgendwie getarnt in aller Ruhe durch die Seitenstraßen zu tragen, während alle die Kugel irgendwo im Gedränge vermuten, ist eine beliebte Variante. So musste zum Beispiel in den 1940er Jahren das bisher einzige Frauenspiel dreimal mit neuem Ball gestartet werden, weil es zuschauenden Männern, die um ihre Vorherrschaft fürchteten, immer wieder gelungen war, die Kugel einfach verschwinden zu lassen. Andere haben versucht, die Kugel über Dachstaffetten dem Ziel näher zu bringen. Beliebt ist auch, sie in einem unbeobachteten Moment einfach hinter einer Gartenmauer fallen zu lassen und gleichzeitig von einem Spieler am Rande des Gedränges einen Ausbruch als Ablenkungsmanöver vortäuschen zu lassen.
Feste Regeln gibt es so gut wie nicht. Der Ball darf getragen, geworfen oder gekickt werden. Wo er landet, ist Spielfeld - seit einigen Jahren ausgenommen ist nur der Innenraum der St Magnus Kathedrale. Obwohl das Spiel sehr rauh ist, halten sich Temperamentsausbrüche in engen Grenzen. 'Foul play' oder 'inappropriate behaviour' sind verpönt, ohne dass jemals definiert wurde, was ein Foul ist oder was "unangemessemes Verhalten" tatsächlich beinhaltet. Keine Strafe wiegt schwerer, als sich hinterher in den Pubs der Uppies und Doonies mit dem Vorwurf auseinander setzen zu müssen, man hätte sich durch unangebrachte Mittel einen auch nur noch so kleinen Vorteil verschafft.
 Touristin vor verbarri-kadierten Fenstern das Spiel aus sicherer Distanz beobachtend. |
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Gemessen an der relativen Härte des Spiels sind ernsthaftere Verletzungen ausgesprochen selten. Meist sind es auch nicht die Spieler, die sich verletzen, sondern unerfahrene Zuschauer, die sich zu weit vorgewagt haben. Wenn nämlich so ein Spielerpulk auseinanderfliegt, bleibt in den engen Straßen meist kein ausreichender Fluchtweg mehr. Verstauchungen, Prellungen, gelegentliche leichtere Knochenbrüche kommen dann schon schnell mal vor. |
Die Ursprünge des Spiels
"Die beliebteste Legende, die im allgemeinen als Ursprung des Ba' bezeichnet wird, ist die des unglücklichen Kaufmanns Jeremiah Tulloch. Der versuchte nämlich vor etwa 500 Jahren einen Streit zwischen den Mannen des Bischofs und denen des Grafen zu schlichten und verlor dabei - mehr aus Versehen - seinen Kopf. Mitten durch das mittelalterliche Kirkwall verlief damals die Steuergrenze: Die Bewohner Up-the-Gates (Uppies) mussten ihre Abgaben an den Bischof zahlen, diejenigen Down-the-Gates (Doonies) an den Grafen. Nun war der Tod Jeremiah Tullochs beiden Parteien so peinlich, dass sie versuchten, den Kopf auf das Gebiet der jeweils anderen Partei zu bringen. Während dieses ersten aller Ba' Games soll allerdings der Kopf verschwunden sein und die Streithähne flüchteten aus der Stadt...(aus SWR, Spiele der Welt)
Nun, die Steuergrenze gab's, ebenso die Streitereien, wohl auch den Kaufmann mitsamt seinem im wahrsten Sinne "unglücklichen" Ende. Der Rest scheint aber eher der Feder eines frühen "Tourismus-Managers" des 19. Jahrhunderts entsprungen zu sein. Historische Belege gibt es jedenfalls für diese Variante nicht.
Die historischen Ursprünge liegen ungeachtet zahlreicher folkloristischer Traditionen irgendwo im Dunkel der Geschichte versteckt.
Die Viking Connection
Auch die Norweger der Saga-Zeit liebten wilde Ballspiele, wie sie detaillieert in der Gisli-Saga beschrieben werden. Ob es aber eine direkte Beziehung zwischen diesen Spielen und den einst auf allen Orkney-Inseln vertretenen Ba'-Games gibt bleibt zweifelhaft.
Trotzdem, die Parallelen zwischen dem isländischen 'knattleikr' (Ballspiel) und der modernen Variante des Kirkwall Ba' Games sind schon auffällig.
Die Tatsache, dass die Ballspiele überall in Orkney außer im Zusammenhang mit Hochzeitsfeiern zum Jahreswechsel gespielt wurden (noch bis ca. 1880 war das Neujahrsspiel das wesentlich wichtigere Ereignis als das Weihnachtsspiel) deuten auf einen Zusammenhang mit skandinavischen Bräuchen und eine engere Verbindung mit den Yule-Feierlichkeiten der alten Zeit hin.
Tusker und Sigurd
Die bekannteste Überlieferung stammt aus der Frühzeit des wikingerzeitlichen Orkney und erinnert an den Tod eines schottischen Tyrannen, der den Orkney gegenüber auf dem schottischen Festland herrschte. Er hörte auf den Namen 'Tusker', so benannt nach seinen auffällig vorstehenden Schneidezähnen - Hasenzahn.
Er wurde von einem jungen Orkadier besiegt, der den Kopf des Thyrannen als Trophäe mitnahm. Auf dem Rückweg verletzt sich der Orkadier an den Zähnen. Es kam zur Blutvergiftung. Kurz vor dem Tod erreichte der Orkadier Kirkwall, dessen aufgebrachte Bevölkerung daraufhin den Kopf wütend durch die Stadt trieb. So die legendäre, historisch aber gleichfalls wohl nicht richtige Version vom Ursprung des Spiels.
Dieses Märchen hat aber eine verblüffende Parallele in der Geschichte vom Ende der ersten Orkney-Herzogs, Earl Sigurd Eysteinsson. Die 'Orkneyinga Saga' überliefert, dass Sigurd aufs schottische Festland zog, um den dort lebenden Rivalen, Earl Maelbrigte Tusk, zu bekämpfen. Sigurd allerdings verletzte sich an Maelbrigte's Zahn, starb an Blutvergiftung, wurde aber an Ort und Stelle auf dem schottischen Festland bestattet.
Tod und Wiedergeburt - Das Spiel als Teil einer Richtzeremonie?
Betrachtet man das Spiel als Bestandteil der Mittwinter-Riten fällt eine eine überraschende Parallele zwischen dem Motiv der Tusker-Erzählungen und dem des "Spiels mit einem abgeschlagenen Schädel" und dem aus der keltischen Mythologie stammenden Motiv des 'Beheading Game' - wie es z.B. in der Geschichte von "Gawain und dem Grünen Ritter" als Teil der Arthus-Saga überliefert wird.
Kampf und Sieg des Neuen Jahres über das Alte Jahr als Teil der Mittwinter-Riten und Mythen. Gawain köpft den Grünen Ritter und feiert seinen Triumph als den Sieg des Neuen Jahres. Doch der Grüne Ritter ist nicht tot; er hebt seinen Kopf auf und kündigt seine Rache binnen Jahrefrist an.
Doch da nimmt Gawain den Kopf und schleudert ihn unter die neugierig wartende Menge: Das Spiel mit der gräuslichen Trophäe beginnt!
Kampf zwischen Sommer und Winter - ein Fruchtbarkeitsritus?
Vergleichbar der Geschichte von Gawain und dem Grünen Ritter als die Geschichte vom Kampf des alten mit dem neuen Jahr, gibt es die orkadische Legende von der 'Sea Mither and her nemis Teran'. Zweimal im Jahr, zur Frühjahrs- und Herbst-Sonnenwende, kämpfen die beiden Seewesen um die Vorherrschaft. Sommer und Winter repräsentierend, gewinnt mal das eine, mal das andere Wesen.
Schon früh wurde das Ba' Game mit diesem Wettstreit derart in Verbindung gebracht, dass je eine Mannschaft einen der beiden Charakter vertritt.
Deutlicher werden die Hinweise auf einen Fruchtbarkeitsritus aber in anderen Zusammenhängen. Schon für das Vorläuferspiel galt: Geht der Ba' "up", wird es eine gute Kartoffelernte geben, geht der Ba' "down", wird es gute Fischfänge im Jahr geben.
Dies kommt auch in folgendem alten Vers zum Ausdruck:
"Up wi' the Ba' boys,
Up wi' the Ba'
An' ye'll get cheap meal
An' tatties an' a'."
(frei übersetzt: Spielt den Ball, Jungs, / spielt den Ba / auf das wir haben billig Mahl / und Kartopffeln übers Jahr). Dass es dann, als die Doonies 1846 den Ba' eroberten (und für 29 Jahre behielten) prompt zum Ausbruch der Kartoffelfäule kam, ist wohl eher Zufall, aber 1875 war man überzeugt, dass "we'll surely hae guid tatties this year, after the ba' has gaen up."
Verbots-Versuche
In den letzten Jahren gab es wiederholt Versuche, das Spiel wegen seiner Wildheit und ungewisser Verletzungsrisiken zu verbieten. 2001 griff selbst das Orkney Island Council die von der Edinburgher Zentralverwaltung ausgehende Initiative auf.
Nach zwei, drei öffentlich getanen Meinungsäußerungen einiger bekannter Spieler, war das Thema binnen Tagesfrist wieder vom Tisch. Den Politikern wurde schlagartig klar, dass sie von Volkes Stimmung abhängig sind und irgendwann einmal wiedergewählt werden wollen.
Weitere Informationen in englischer Sprache und eine ausführliche Fotodokumentation der jährlichen Ereignisse findet sich auf der Website des Orkney-Fotografen Charles Tait unter http://www.bagame.com/.
(tsp/ws)
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