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 Landeskunde Flora [ zurück ]
Die Flora Schottlands - Kulturflüchtlinge und ihre Bedeutung
Wer zum erstenmal nach Schottland kommt, der wundert sich bald über einige Exoten in der Pflanzenwelt, die ihm ins Auge stechen.

Nichts ahnend fährt er von Süden kommen auf das Örtchen Ullapool an der Westküste zu und entdeckt auf einmal "Zypressen", die sich als nordamerikanische "Redwoods", Mamutbäume, entpuppen. In Scalloway im fernen Shetland erspäht er dann Palmen, nicht in Kübeln, wie er sie aus deutschen Wintergärten kennt, nein viel größer, richtig ausgewachsene Exemplare, die einen Vorgarten ausfüllen. Oder: Inmitten der älteren Nadelholzbestände in den Wäldern bei Killikrankie finden sich ganz stattliche Rhododendren.

Er hat gehört, dass auf Orkney "Yellow Flags", gelbe Schwertlilien die Seeufer und Straßengräben säumen sollen, fährt hin und findet (weil schon zu spät im Jahr für die Schwertlilien) goldgelbe Taglilien, die jetzt eigentlich in Südchina blühen sollten. Er liest etwas über die Blütenpflanzen auf den Shetlandinseln, liest weiter und erfährt, dass die Blood Dropped Emlets (Gauklerblumen), heute die wildblühende Pflanze mit den größten Blüten auf Shetland, eigentlich mit einem (süd-)chilenischen Pass "reisen".

Wieder auf dem Festland entdeckt er im Dee Valley Schlangenbäume, Araucarien. Nun gut, aus heimischen Vorgärten kannte er diese uralten Nadelholz-Bäume von der Südhalbkugel unserer Erde, doch hier bei Ballater stehen sie in freier Landschaft friedlich neben heimischen Pinien. Über Libanon-Zedern in der parkähnlichen Landschaft um Craigievar Castle oder Roxburgh Castle wundert sich der Besucher dann schon nicht mehr. Vergleichbares kennt er auch aus den Parkanlagen des deutschen Adels, auch verwilderte Feuer- und Fackellilien am Straßenrand erstaunen ihn nicht mehr.

copyright tsp/ws
Als Wildpflanzen heute heimisch gewordene (asienstämmige) "Blue Bells" (Scillia Varietäten in blau, rosa und weiß) unter nordamerikanischen Sycamores, Woodwick House, Orkney

Nun, wie kam es zu diesen Erscheinungen?

Zum einen muss man wissen, dass die Briten - und damit eben auch die Schotten - in kolonialen Diensten, im weltweit verstreuten Empire gelegentlich auf die Stufe von "Jägern und Sammlern" zurückfielen, die alles sammelten, was ihnen entweder nur gefiel, besser noch, einen gewissen Nutzen versprach. So sammelten sie auch Pflanzen aus aller Herren Länder und versuchten, diese in ihrer Heimat zu kultivieren. Die Geschichte des Capt. Bligh, der Transport von Cocos-Palmen in weit entfernte Weltgegenden, legt ein beredtes Zeugnis von diesem Sammel- und Experimentiertrieb ab.

Zum anderen waren es die "Merchant Lairds", industrielle Großgrundbesitzer, die im 18. und 19. Jh. gewisse Rohstoffedefizite (z.B. Mangel an qualitativ hochwertigem Bauholz) ihrer Heimat zum Anlass nahmen, überwiegend mit fremdländischen Hölzern und anderen Nutzpflanzen zu experimentieren. Mal entstanden daraus private botanische Gärten (wie z.B. Inverewe Garden) mal Versuchs-Forsten wie etwa der Mischwald am oberen Loch Broom. Beide Einrichtungen wurden geradezu zu Quellen für eine relativ weitläufige Verbreitung regionsfremder Pflanzen. Heute natürliche Vorkommen von naturnahen Sitka-, Rhododendron- und Sycamore-Beständen haben z.B. in solchen Pflanzungen ihren Ursprung.

Schließlich sind noch die grünen Daumen der schottischen Landfrauen zu nennen, die ihre Ziele und ihr Treiben überwiegend auf die Haltung verschiedener Blütenpflanzen konzentrierten. Aus ihren Gärten verwilderten die Gauklerblumen, die Taglilien, Montbretien, Scillia, fast alle Mohnformen u.a.m., die dem Reisenden unterwegs heute als "Wildblumen" am Wald- und Straßenrand begegnen.

Meist handelt es sich um punktuelle Einzelvorkommen, selten nur um flächige Verbreitungen wie bei den kleinräumigen Sycamore-(Busch-)Waldungen auf Orkney - praktisch alles, was irgendwie als "Gehölz" auf den Inseln optisch wahrnehmbar ist - aber relativ verlässliche Schätzungen der botanischen Gesellschaften und z.B. der Forestry Commission gehen davon aus, dass bis zu 40% des heute auch als "Wildform" vorkommenden Artenbestandes an Pflanzen sogenannte "Kulturfolger" oder "Kulturflüchtlinge" sind, also erst durch die siedelnde Bevölkerung ins Land gebracht wurden.


(tsp/ws)
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