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Landeskunde Geografie |
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| Schottland 1560 - Eine Darstellung zwischen Realität und Mental Map |
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Der älteste, erhaltene Druck einer Schottlandkarte stammt von einem unbekannten Autor und datiert aus den Jahren um 1560. Sie entstand in einem der führenden Welthandelszentren der damaligen Welt, in Venedig. Die Karte, von der zudem weder Auftraggeber noch Zweckbestimmung bekannt ist, gilt dennoch als ein einzigartiges Dokument. Sie vermittelt einerseits überraschende Detailkenntnisse des Entwerfers, ist andererseit aber auch ein faszinierender Beleg dafür, was von Schottland und wie dies wahrgenommen wurde.
Viele Karten, die im Venedig des 16. Jh. gestochen wurden (diese Karte vielleicht von Paolo Forlani), gehen zurück auf Karten, die der englische Asylant George Lily in den 1540er Jahren im Auftrag der Republik Venedig geschaffen hat. Ihm sind wohl auch die vielfältigen Informationen zu verdanken, die sich im weiteren Inhalt der Karte finden. Auffallend ist aber die große Diskrepanz zwischen der Darstellung des schottischen Festlandes und der schottischen Inselwelten. Das Festland ist in seinen Umrissen schon relativ genau wiedergegeben, zeigt aber vor allem noch im Küstenbereich zwischen Dundee und Fraserburgh die typischen Fehler, die erst mit der Karte der Britischen Inseln des Gerhard Mercator von 1595 korrigiert werden und auf genauere Informationen durch den Schotten John Elder zurückgehen.
Für die Zeit vollkommen korrekt ist die Darstellung ohne die heute zu Schottland gehörenden Shetland-Inseln. Im Jahr 1560 waren diese Inseln - einschließlich der Auslieger Fair Isle und Foula - unbestrittener Bestandteil Norwegen-Dänemarks und hatten folglich auf einer Darstellung des Königreichs Schottland nichts zu suchen.
Die Inselwelt ist dagegen auf den ersten Blick nur recht grob und scheinbar fern aller Realität mehr skizziert als kartographisch exakt abgebildet. Allein die aufgeführte Anzahl bewohnter Inseln - 43 für die Hebriden und 31 für Orkney - erscheint stimmig.
Die Inselwelten
Drei große Inselgruppen können im Westen und Norden von Schottland ausgemacht werden: Orkney, die Hebriden und etwa auf halbem Wege zwischen ihnen drei weitere, auffallend große Inseln.
Drei Orkney-Inseln werden mit Namen benannt: Mainland (mit dem von den Holländern der Zeit aufgebrachten Namen Pomonia und der einzigen namentlich ausgewiesenen Siedlung auf einer Insel: Kirkwall), Burray und (South) Ronaldsay. So willkürlich die Darstellung erscheint, sie ist es nicht. Begreift man nämlich die zwei hier schwarz eingefärbten Inseln östlich Mainlands als die Osthälfte von Mainland, dann stimmt die Abfolge der Inseln an der Ostflanke des Archipels von Süd nach Nord der Anzahl nach auf einmal ganz genau: South Ronaldsay, Burray, Ostmainland - das bei der Annäherung mit einem kleinen Boot bei bestimmten Sichtverhältnissen tatsächlich wie zwei vorgelagerte Inseln erscheint - Stronsay, Sanday, Eday, Westray und Papa Westray.
Die Darstellung der Hebriden ist demgegenüber nicht annähernd so exakt. Namentlich genannt werden Mull, Islay, Iona und Cumbrae. Lage und Größe der Inseln stimmen aber nicht mit den realen Gegebenheiten überein. Das kleine Eiland Iona (gelb) wird zu einer der größten Inseln des Archipels, tauscht den Platz mit der vergleichsweise zu klein dargestellten Insel Mull (hellblau) und rückt so näher ans Festland. Ein typischer Mental-Map-Effekt: Das wohl bedeutendste kulturelle Zentrum in der Geschichte des Landes kann nicht auf einer winzigen Insel im offenen Meer liegen. Ganz ähnlich, nur unter umgekehrten Vorzeichen ergeht es Cumbrae: Als Insel(n) der Bretonen, also eines vermeintlich anderen Volkes, müssen sie zwar entsprechend entsprechend groß dargestellt werden, damit ein ganzes Volk darauf Platz hat. Sie können aber im Verständnis des Kartographen nicht im Bereich des Clyde, so zu sagen ganz dicht am politischen und wirtschaftlichen Zentrum Schottlands liegen. Folglich werden sie zu den Hebriden verlagert, wobei - aber das ist Spekulation - Informationen über ein "Kingdom of the Isles" eine Rolle gespielt haben.
Bis zu einer genaueren Darstellung der Hebriden sollte es noch gut eine Generation dauern. Erst mit den verschiedenen Karten Mercators ändert sich das Bild von diesem Teil der Welt: Die ältere Europakarte in seinem Atlas stimmt mit dem Bild hier vollkommen überein, die jüngere Karte der Britischen Inseln in seinem Atlas zeichnet dann das Bild der Hebriden (jetzt einschließlich des als solchen erkennbaren Skye), das für mehr als 100 Jahre in der Kartographie Bestand haben sollte.
Die interessanteste Inselgruppe sind aber die drei zwischen den Hebriden und Orkney gelegenen Inseln. Die südlichste ist eine Doppelinsel (!) mit den Namen Schia für den nördlichen und Levissa für den südlichen Teil (!), der hier hellviolett eingefärbt ist. Die olivgrün eingefärbte Insel ist die damals noch bewohnte Insel (North) Rona, die man eigentlich kaum als Insel bezeichnen kann. Die größte Insel (hellgrau) ist Hirta, die Hauptinsel der St Kilda Gruppe.
Die Hervorhebung dieser drei Inseln ist denn auch ein ganz entscheidender Hinweis auf die Zweckbestimmung der Karte. Im 16. Jahrhundert wurde nämlich die Fahrt "achter rom" für die großen Handelsfahrer populär und die drei Inseln entsprechen so zu sagen den "Ansteuerungstonnen" für die verschiedenen Seegebiete am Westrand Europas. Nach verlassen der schottischen Ostküste geht es entlang der Inselkette der Orkney nach Norden, dann auf Südwestkurs bis Rona in Sicht kommt, dann entweder weiter Richtung Irische See vorbei an Lewis und Shiant Island oder via St Kilda hinaus auf das offene Meer - die klassische Route, die zuletzt die Teilnehmer des Atlantic Challange Race 2003 in umgekehrter Abfolge gesegelt sind.
Das Festland
Die Darstellung des Festlandes wartet mit einer ganzen Reihe von Details auf. Im Süden ist deutlich der Grenzverlauf (orange) markiert: Schottland umfasst zur Zeit der Darstellung noch weite Teile Northumberlands, reicht hinunter bis Newcastle.
Alle wichtigen Städte sind verzeichnet. Dabei wird deutlich, dass im Wesentlichen nur die Lowlands und die Küstenhinterländer der Nordsee mit größeren Siedlungen erschlossen waren. Für die bewohnten Inseln und die Küste Argylls sind noch namenlose Siedlungen ausgewiesen, aber bis auf zwei, drei Orte nordwestlich von Inverness sind die Highlands ohne Siedlungszentren dargestellt. Ganz offensichtlich waren die Informationen über die Highlands wohl nicht so dicht und sehr vage, so dass es hier auch zu einzelnen "echten" Fehlern in der topographischen Typisierung kommt: Caithness etwa wird nicht als eine eigene Landesherrlichkeit wie Moray, Buchan oder Galloway ausgewiesen sondern als eine Stadt - willkürlich plaziert inmitten der Einöde.
Das Inventar der größeren Flüsse ist vollständig, ebenso die drei wichtigsten Furten auf dem Landweg nach Norden: Bei Paisley über den Clyde, bei Stirling über den Forth und bei Perth (St Ioanis) über den Tay. Binnenseen sind zwar ausgewiesen, aber vor allem im nördlichen Teil mehr schematisch als Quellgebiete der Flüsse dargestellt.
Der Weg nach Westen wird durch Gebirge und zwei große Seen versperrt: Loch Lomond (mittelblau), das quasi als Bucht über einen breiten Fluss mit dem Meer verbunden ist und Loch Tay (blauviolett). Als einziger der größeren Seen Schottlands ist Loch Lomond mit einer Vielzahl kleiner Inseln dargestellt, die den See ja auch in der Realität unverwechselbar machen. Dass Loch Tay so überdimensional groß dargestellt ist, ist wohl weniger eine falsche Darstellung als vielmehr ein weiterer Ausdruck von 'mental mapping': Er steht für die Unpassierbarkeit der Region insgesamt. Neben diesen beiden wird nur noch Loch Leven namentlich bezeichnet.
Sinn und Zweck der Karte
Karten wurden zu der Zeit noch wie Staatsgeheimnisse gehandelt, erst Recht wenn es um Darstellungen fremder Staatsgebiete ging. Nach heutigen Maßstäben reicht sie sicher nicht für eine "gezielte Orientierung im Gelände", einerlei, ob man auf dem Festland reist oder über See. Andererseits ist sie so vollständig, dass sie vollkommen ausreichend ist, um zum Beispiel einem interessierten Handlungsreisenden der Zeit einen umfassenden Überblick über die Geographie und Topographie des Landes zu vermitteln.
Sie zeigt deutlich, wo man mit größeren und kleineren Siedlungen rechnen kann, welche Gebiete unpassierbar und nur wenig besiedelt sind. Alle wichtigen Merkposten für eine Wanderung durch das Land wie zu seiner Umrundung auf See sind vorhanden.
So gesehen kann sie als ein echtes "Arbeitspapier" gewertet werden. Dafür spricht auch, dass auf alles Schmuckwerk wie Wappen, Fabelwessen des Meeres, Widmungsprüche und sonstige Erläuterungen verzichtet wird - mit einer Ausnahme: Der Angabe eines exakten Maßstabes unter einem Stechzirkel, der weniger Schmuck darstellt, als dass er "Präzision" signalisieren soll.
Präzision und "neuster wissenschaftlicher Stand" werden auch durch ein weiteres, ganz unscheinbares Element zum Ausdruck gebracht: Eine Kompassrose. Während bei älteren Karten Jerusalem (oder Rom) im Zentrum lag, Detaildarstellungen auf diese Zentren hin ausgerichtet waren, ist diese Karte bereits "genordet", so wie wir es von modernen Kartendarstellungen kennen. Die falsche Darstellung von "Schia/Levissa" wäre ein ganz typischer Fehler für Karten dieser Epoche: Die Kupferstecher, die die Druckvorlagen schufen, mussten auf einmal nicht nur alles (wie gewohnt) spiegelbildlich stechen, sondern mussten nun auch noch hinsichtlich der Nord-Süd-Orientierung umdenken.
Anmerkung: Eine am Rand auf 1558 handschriftlich datierte Ausgabe der Karte findet sich in der 'Digital Library' der National Library of Scotland unter http://www.nls.uk/digitallibrary/map/early/scotland.cfm?id=126. Dank der sehr guten Zoom-Funktion des Viewers kann die Karte dort in feinsten Details betrachtet werden.
(tsp/ws)
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