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Der Süden Schottlands - The Scottish Borders
Einwohner insgesamt: 106.764

davon
in Hawick: 14.573
in Galashiels: 14.361
in Peebles: 8.065
in Selkirk: 5.742
Kelso: 5.116

Fläche insgesamt:
4.743km2
copyright tsp/ws

Schon der Begriff Scottish Borders offenbart die Calamität, der diese Region in der ganzen Geschichte der Königreiche von Schottland und England ausgesetzt war. Borders, das war das Grenzland zwischen England und Schottland - aus englischer Sicht. Im alten Schottland trug dieses Gebiet die Bezeichnung Marches. In der Region Scottish Borders bewegen wir uns genauer gesagt überwiegend in den East Marches, der "Ostmark". Daneben gab es noch die Middle und die West Marches, Gebiete, die heute überwiegend im County Dumfries and Galloway liegen.

Schottischerseits waren die Marches reichsunmittelbar, wurden jeweils von einem Warden verwaltet, auch wenn mehrere oder alle drei Marches zeitweise in einer Hand lagen. Die Wardens wurden direkt von der Krone eingesetzt und verfügten wie die Markgrafen des ostfränkisch-römischen Reiches (Billunger Mark, Markgrafschaft Meißen u.a.) über besondere Rechte, wie auch in den Marches selbst ein eigenes Recht galt.

Das besondere Problem der schottischen Ostmark lag in der Tatsache begründet, dass das alte Königreich Northumbria, wenn man so will "Gründungsmitglied" des Königreichs England, noch deutlich über die heutige Landesgrenze nach Norden hinausreichte, seine späteren Herrscher im Königreich England selbst eine herausragende Position einnahmen. Dies führte zu immer wechselnden Gebietsansprüchen im Territorium des jeweiligen Gegners, die oftmals mit Gewalt einer Lösung zugeführt werden sollten. Ein ganz typisches Schicksal erlebten dabei die Stadt und Festung Berwick-upon-Tweed, die mal englischer, mal schottischer Grenzort bzw. Grenzfestung war: Ein Schicksal, dass die Stadt mit dem heute gleichfalls englischen Carlisle teilte.

Einen letzten, alles andere überschattenden Niedergang erlebte die Region unter der Herrschaft Oliver Cromwells. Er ließ weite Teile in Schutt und Asche legen, plünderte und zerstörte teilweise die berühmten und vor allem reichen Abteien der Region, die Border Abbeys von Dryburgh und Jedburgh, von Melrose und Kelso. Ihm allein aber die Schuld für den heute ruinösen Zustand der Abteien in die Schuhe zu schieben, hieße aber, ihm zuviel Ehre zu machen. Die aufgelösten, "herrenlosen" und in der baulichen Substanz angeschlagenen Abteien waren willkommene Steinbrüche für den Wiederaufbau der zerstörten Städte und Dörfer der Region, so dass sich nicht wenige Bauteile von Säulen und Verblendsteinen in manchem Stadthaus aber auch manchem Bauernhof und Schweinestall der Region wiederfinden.

copyright Tina Wirkner/Alex Mundigl
Herbststimmung in den Borders

Doch das war nicht immer so. Im 15. Jahrhundert, als das schottische Königreich neben dem englischen etabliert und offiziell anerkannt war, entwickelte sich die Tradition der Days of Truce, nicht Stunden, sondern Tage der Wahrhait, an denen die Wardens beider Seiten (auch die englischen Borders genossen innerhalb des Königreiches eine Sonderstellung) zusammenkamen und Probleme des grenzbedingten Miteinanders verhandelten und lösten: Der schottisch-englische Runde Tisch war geboren.

Die Marches und die Borders waren immer auch ein Gebiet intensiven kulturellen Austauschs, gefördert auch durch die gemeinsame Geschichte, d.h. die auf beiden Seiten der Grenze erlebte frühere Vorherrschaft von Angelsachsen dänischer Abstammung und ihrer Herrschaften. Hier entwickelte sich auf der eine Seite der Grenze das Scots unter starkem germanischen, sprich dänischem, Einfluss auf der Grundlage des Altenglischen zu einer neuen Sprache, hier bildete sich auf der englischen Seite mit der Klostersiedlung von Lindisfarne ein zweites kulturelles Zentrum, das vielleicht sogar noch wichtiger war als das schottische Gegenstück Iona.

copyright tsp/ws
Herrensitz in parkartiger Agrarlandschaft bei Dryburgh

Landschaftlich ist die Region eher wenig spektakulär, zumal, wenn man sie zur "falschen" Jahreszeit besucht. Es ist ein weitgehend unscheinbares Hügelland, dass in weiten Teilen an Landschaften Schleswig-Holsteins (von der Probstei bis zur Holsteinischen Schweiz) oder ähnliche Endmoränengebiete Mecklenburg-Vorpommerns (Müritz bis Freiberger Seen) erinnert - nur das die einst vorhandenen Eichen-Buchenwälder heute weitgehend fehlen. Es ist eine im wahrsten Sinne des Wortes "aufgeräumte" Kulturlandschaft, wie sie ein "bäuerlich" wirtschaftender Großgrundbesitz über Jahrhunderte hinweg gestaltet.

Gäbe es nicht am Straßenrand die auffälligen Grenzmarkierungen, die jeden Touristen darauf aufmerksam machen, dass er von England nach Schottland wechselt, man würde es über Kilometer hinweg nicht erkennen können, in welchem Landesteil man sich gerade bewegt. Anders als in manchen Grenzgebieten auf dem Kontinent gleichen die Hausformen und Dorfanlagen beiderseits der Grenze wie ein Ei dem anderen. Der vermögende Adel baute seine oftmals das Landschaftsbild beherrschenden Herrensitze britisch und unabhängig von Formen, wie sie der schottische Baronial Style weiter im Norden hervorbrachte.

copyright tsp/ws

Größere städtische Zentren fehlen. Kelso, Jedburgh, Melrose, Gallashiels oder Selkirk - alles Orte mit geschichtsträchtigen Namen - doch wenn wir freundlich sind, sagen wir "ländliche Zentralorte", weniger freundlich gestimmt würde man sie als "etwas angestaubte Provinznester" nicht bedeutender als Neuruppin oder Stendal, Herrenberg oder Goch klassifizieren. Dafür gibt es in der Fläche eine Unzahl allerfeinster Herrenhäuser des Landadels und schönste Landarbeitersiedlungen des Großgrundbesitzes, die man heute als hübsche, dem Auge wohlgefällige Dörfer wahrnimmt.

Fährt man im späten Frühjahr oder Frühsommer durch die Region, dann, wenn der Ginster blüht, so eröffnen sich etwa Blicke vom Scott's View etwas außerhalb Dryburghs, die sicherlich mit zu dem Anmutigsten gehören, was Schottland zu bieten hat. Und man ist froh, dass die Zeit der frühen Industrialisierung vorbei ist, zu der der Tweed mit seinen von Wasserkraft getriebenen Spinnereien und Webereien eine ausgesprochene Industriegasse inmitten der ländlichen Idylle bildete.

Sir Walter Scott, der Vertreter der schottischen Romantik, hat sich nicht ohne Grund inmitten dieser Region, in Abbotsford, nieder gelassen.

Ausländische Touristen nutzen die Region der Borders zumeinst nur als Durchgangsstation auf dem Weg in die Highlands, reduzieren sie auf einen Besuch einer der großen Abbeys oder die Stippvisite in Scott's ehemaligem Wohnhaus Abbotsford bei Melrose. Um so beliebter ist die Region bei den Briten, den benachbarten Engländern und Schotten gleichermaßen. Ob Kurzurlauber an den verlängerten Wochenenden der 'bank hollydays' oder Familienurlauber in den Schulferien: Die Borders haben eigentlich immer Saison.

Anmerkungen zu einzelnen Orten und Sehenswürdigkeiten
Berwick Coast
Die Scottish Borders haben noch einen erheblichen Anteil an der landschaftlich sehr reizvollen, ökologisch wie als Erholungslandschaft wichtigen Berwick Coast. Im Bereich zwischen Eyemouth und dem nördlich gelegenen St Abbs Head geht sie allmählich von einer Sandwatt- zur Kliffküste über und bietet äußerst ansprechende Landschaftsbilder mit hübsch anzuschauenden, erholsamen Fischerorten wie St Abbs, Coldingham und Burnmouth.
Das Vogelreservat um St Abbs Head ist wegen seiner Artenvielfallt das wohl wichtigste Naturschutzgebiet der gesamten schottischen Ostküste.
Das Hinterland der Berwick Coast bis etwa auf eine Linie zwischen den kleinen Landstädtchen Duns und Coldstream ist eine der produktivsten landwirtschaftlichen Regionen Schottlands.

Border Abbeys
Grenzgebiete waren als mehr oder weniger "herrenlose" Räume immer Pioniergebiete der Kirche, in die sie wie überall in Europa mit Klostergründungen vordrang - zumal wenn es noch galt, brachliegende Flächen und Naturräume (wie hier die Tweedniederung) urbar zu machen. In den Borders entstanden vier große Abteien, deren prachtvolle Ruinen bis heute an ihren einstigen Wohlstand erinnern: Melrose, Dryburgh, Kelso und Jedbury. Sie alle wurden zur Regierungszeit Cromwells sekularisiert, geräumt und teilweise zerstört. Ihren heutigen ruinösen Zustand verdanken sie aber eher der Tatsache, dass sie in den ersten Jahrzehnten der Nach-Cromwell-Ära als willkommene Steinbrüche zum Ausbau der umgebenden Dörfer dienten und hernach ihrem Verfall überlassen blieben. In der schottischen Romantik erlebten sie dann eine Wiederauferstehung. Obwohl sie immer eine herausragende Rolle im geistig-kulturellen Leben des Landes spielten (was durch zahlreiche Grablegen prominenter Familien und Einzelpersonen belegt ist), wurden teilweise zu nationalen Denkmalen überhöht.

Duns
copyright tsp/ws Ein eher unscheinbares, wenngleich gefällig anzusehendes Landstädtchen, gäbe es da nicht zwei Attraktionen der besonderen Art. Die eine ist das "stately home" Manderston House, erbaut nach Entwürfen der bekannten "Landhaus-" Architekten William & Robert Adam, "boasting the only silver staircase in the world" - aber: Sorry, we do not guided tours to the public / jedoch: Prices on application.
Verdienen möchte man schon, aber keine Touristenmassen, die den Garten zertrampeln. Die andere Attraktion ist der "Jim Clark Room", eine nahezu komplette Sammlung von Erinnerungsstücken an die Karriere des zweimaligen Formel 1 Weltmeisters der 60er Jahre.

Galashiels
copyright tsp/ws Die zweitgrößte Stadt der Borders schmiegt sich in das enge Tal des Gala Water kurz vor dessen Mündung in den Tweed. Galashiels ist ein altes Zentrum der Textilerzeugung und -verarbeitung ("We dye to live und live to die!") und heute das eigentliche Herz der Borders und als Kreuzungspunkt zahlreicher Touristenpfade von herausragender Bedeutung: Cashmere Trail, Southern Upland Way, Tweed Cycle Way.

Hawick
copyright tsp/ws Hawick ist mit knapp unter 15.000 Einwohnern die größte Stadt der Borders. Ihren relativen Wohlstand, der sich u.a. auch in zahlreichen Parkanlagen (Wilton Lodge Park) ausdrückt, verdankt die Stadt der in ihren Mauern beheimateten Textilindustrie: Hawick ist das wohl bedeutendste Zentrum der Cashmere Industrie (Peter Scott, Wrights of Trowmill).
St Mary's Church geht zurück auf einen Bau von 1214 und ist ein schönes Beispiel für eine Kirche auf einer Motte (mote oder moat), einem künstlichen Erdhügel, der sie einerseits erhöhen, andererseits als Fluchtstätte besser schützen sollte.

Jedburgh
copyright tsp/ws Der Lanzenreiter im Wappen unterstreicht die einstige Bedeutung der Stadt und ihres Castles als wehrhafte Grenzfestung. Unter David I als Royal Burgh gegründet, gelangten Stadt und Castle aber schon 1174 als Pfand an die Engländer. Wieder in schottischer Hand wurde das Castle bereits 1409 geschleift, um den Engländern den Grund für einen erneuten Übergriff zu nehmen.
An seiner Stelle entstand 1823 ein burgähnlicher Gefängnisbau, der heute ein interessantes "Museumgefängnis" beherbergt.
Weitaus bekannter ist die Stadt durch ihre Abbey, die zu den bedeutenden Border Abbeys gehört. Weitere Klöster und die wohl schon vor 1500 begründete 'Grammar School' unterstreichen die einstige Bedeutung der Stadt als kulturelles Zentrum der Region.
Bis ins 20. Jahrhundert hinein war Jedburgh einer der größten Standorte der wollverarbeitenden Industrie im Tweedtal, doch davon ist im heutigen Touristikzentrum kaum noch etwas zu ahnen.
Jedburgh ist eines der wenigen Zentren, wo sich die Tradition der schottischen Ba Games erhalten hat (Jedburgh Hand Ba). Der Überlieferung nach geht es auf einen Sieg der Schotten über die Engländer zurück, den die Schotten damit feierten, dass sie mit den Köpfen der gefallenen Gegner Straßenfußbal gespielt haben sollen.

copyright Tina Wirkner/Alex Mindigl
Blick vom Hume Castle bei Kelso über die wenig spektakuläre aber hochintensiv genutzte Agrarlandschaft der Borders

Kelso
copyright tsp/ws Das eher bescheidene Landstädtchen ist der wichtigste Zentralort im Osten der Borders, bekannt durch seine Abteiruine. Touristisch bedeutsam ist daneben Floors Castle. Das größte bewohnte Herrenhaus Schottlands inmitten der weiten, parkähnlich umgestalteten Talaue des Tweed ist bis heute Sitz der Earls of Roxburgh. Für Fans der britischen Monarchie ist Roxburgh Castle ein unbedingtes 'must be',
begann hier doch die Romanze zwischen Prinz Charles und Prinzessin Diana.

Peebles
Neidpath Castle unmittelbar vor den Toren der Stadt war einst der Stammsitz der bekannten Familie der Fraser, später auch Sitz der Hays und Douglas. Der Ort selbst präsentiert sich als ganz ansehnliches Landstädtchen am Ufer des Tweed inmitten einer sanft gewellten, stark landwirtschaftlich genutzten Hügellandschaft. Ein idealer Ausgangspunkt für gemütliche Tagesausflüge zu zahlreichen Parks und Landschaftgärten sowie alten Herrenhäusern (Tarquir House bei Innerleithen, das älteste durchgehend bewohnte Herrenhaus in Schottland).
Kleiner als Galashiels am anderen Ende der "Industriegasse" entlang des Tweed ist Peebles bis heute ein wichtige Zentrum der Wollverarbeitung.

Selkirk
Das alte Royal Burgh of Selkirk im geographischen Zentrum der Borders war das Verwaltungszentrum der Täler von Ettrick und Yarrow. Weit über die Region hinaus bekannt wurde es durch Sir Walter Scott, der für mehr als 33 Jahre als Sheriff von Selkirk wirkte und dessen Werk stark von Motiven aus der Stadt und ihrer Umgebung geprägt ist. Die Täler von Ettrick und Yarrow bieten mit der hoch über ihren Ufern liegenden Stadt etliche der reizvollsten Landschaftsbilder der Borders. Elegante Herrensitze in der Umgebung wie Bowhill House oder Scott's Landsitz Abbotsford House runden das Gesamtbild ab.

copyright Scottish Borders Tourist Board
Casting the Colours - Das festliche Fahnenschwenken als Teil der auch in Selkirk gepflegten Tradition der 'Riding of the Marches'


(tsp/ws)

siehe auch:
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