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| Die Border Abbeys |
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Historischer Hintergrund
Als der schottische König Edgar 1107 kinderlos starb, wurde das von ihm bis dahin regierte Erbe des gemeinsamen Vaters Malcolm III unter seinen Brüdern Alexander und David geteilt. Alexander erhielt die schottischen Territorien nördlich des Forth und die 'Honours of Scotland', d.h. die schottische Königswürde, die er als Alexander I bis zu seinem Tod im Jahr 1124 behielt.
Der jüngere David erhielt die Gebiete südlich des Forth einschließlich der weit ins heutige Nordengland hineinreichenden Territorien von Cumbria und Lothian, in denen er als Earl autonom herrschte. Durch Heirat erhielt er zudem die englische Grafschaft Northampton und die 'Honour of Huntingdon' und damit einen rechtmäßigen Anspruch auf große Teile des englischen Königreichs.
1124 erlangte er nach dem Tod Alexanders die schottische Königwürde. David, der seine Jugend am Hof seines Schwagers, des englischen Königs Henry I verbrachte hatte, galt als ausgesprochen gelehrt und fromm. Von späteren Kritikern gescholten als "zu fromm für einen König", erwies er sich dennoch als geschickter und sehr konsequent handelnder Staatsmann. Er gründete zahlreiche Klöster, reformierte und reorganisierte nach englischem Vorbild die schottische Kirche und begründete zu ihrer Verwaltung wichtige Bischofssitze wie Caithness, Dunblane und Aberdeen. Er führte ein einheitliches schottisches Münzwesen ein und reformierte die Zivilverwaltung. Er gründete an strategisch wichtigen Stellen neue Städte, wie die Royal Burroughs von Stirling, Perth und Dunfermline und begründete eine erweiterte feudale Tradition, in dem er anglo-normannische Adlige aus England ermutigte, in Schottland zu siedeln und sie mit geeigneten Ländereien ausstattete.
1130 schlug er das aufständische Moray nieder, das bis dahin von einer unabhängigen Dynastie geführt wurde. Er gliederte es dem schottischen Reich an und erneuerte seine Verwaltung nach schottischem Vorbild.
Als er 1135 im Streit um die englische Thronfolge für seine Nichte Matilda, die Tochter seines Schwagers Henry I, gegen König Stephen Partei ergriff, wurde er zwar 1138 in der Battle of Standard schwer geschlagen, führte aber die Kampagne so lange erfolgreich fort, bis er im Friedensvertrag von Durham 1139 seinen Anspruch auf Northumberland von der englischen Krone bestätigt erhielt. 1149 erlangte er dann von Henry II (Matildas Sohn, seinen Großneffen) die Bestätigung des schottischen Anspruchs auf Northumberland, Cumberland und Westmorland. Bis zu seinem Tod im May 1153 in Carlisle (Cumberland) herrschte er über das größte schottische Königreich aller Zeiten.
David als Klostergründer
Zu den vornehmsten Aufgaben des wohlhabenden Adels gehörte es zu der Zeit "milde Werke" zu tun, d.h. in erster Linie die Kirche und ihre religiösen und mildtätigen bzw. gemeinnützigen Aufgaben und Einrichtungen zu fördern. Für David, der durch sein Erbe und den Zugewinn durch die Heirat zu den vermögendsten Männern auf der britischen Insel zählte (wenn er nicht gar der reichste war), war dies eine selbstverständliche Pflichterfüllung, die er sich auch ohne jedwede Probleme leisten konnte.
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| Zeitgenössische Darstellung Davids als König David I. von Schottland |
Es gibt aber eine Reihe von Indizien, die darauf hindeuten, dass David bei aller Frömmigkeit und Mildtätigkeit mit seinen Klostergründungen auch noch ganz andere Ziele verfolgte. Mit Ausnahme der Augustiner, die er später nach Jedburgh holte, setzte er in seinen Kernlanden von Anfang an auf die jungen reformierten Orden. Diese hatten den allzu verweltlichten Entwicklungen ihrer Mutterklöster abgeschworen, pflegten wieder ein einfaches, bescheidenes Leben und stellten z.B. als Tironenser oder Zisterzienser wieder das alte Motto 'ora et labora' in den Mittelpunkt ihres Klosterlebens.
Neben dem Gebet kam David vor allem die Arbeit der Klosterbrüder bei der Realisierung seiner staatsreformerischen Aktivitäten zu Gute. Tironenser und Zisterzienser waren überall in Europa die Kolonisten schlechthin, die Sümpfe trocken legten, Wälder rodeten und systematisch Landwirtschaft auf den angegliederten Klostergütern betrieben. Sie bereiteten im wahrsten Sinne den Acker für den nachrückenden anglo-normannischen Adel und waren so die wichtigste Stütze für Davids Siedlungspolitik. Als Unternehmer engagierten sie sich im Bergbau. Ohne ihre Erz- und Kohlegruben wäre der Aufbau des schottischen Münzwesens undenkbar gewesen. Ohne die Einnahmen aus der von ihnen kontrollierten Salzgewinnung wäre der Bau der neuen Städte und ihrer Verteidigungsanlagen unmöglich gewesen. Selbst die Praemonstratenser, die als regulierte Kanoniker im Prinzip nach der Augustinerregel lebten, wird er wohl nicht nur wegen ihrer stärkeren Orientierung an seelsorgerischen Aufgaben gefördert haben, sondern auch, weil sie sich stärker als die Augustiner Aufgaben im Gesundheitswesen und in sozialen Diensten zuwandten.
Kein anderer König davor oder danach hat das Land so systematisch mit Klostergründungen überzogen wie David. Zu seinen heute bekanntesten Gründungen zählen die Border Abbeys von Selkirk/Kelso, Melrose und Jedburgh. Aber Davids Gründertätigkeit darauf zu reduzieren, wird weder seiner Leistung als Reorganisator der schottischen Kirche noch seiner Leistung als Staatsmann gerecht. Dazu waren andere Abteien und Prioreien wie Lesmahagow als Filiale zu Kelso, Newbattle, Camnuskenneth (die Abtei zur Residenz Stirling) oder Holirood, die Abtei der späteren Hauptstadt Edinburgh, für die Erschließung und Verwaltung des Landes einfach zu wichtig.
Die Border Abbeys
Schon der Begriff ist aus vielerlei Gründen falsch, zumindest aber irreführend. So, wie er heute als Sammelbegriff für die Abteien von Selkirk/Kelso, Dryburgh, Melrose und Jedburgh gebraucht wird, entstand er im Zuge der "schottischen Renaissance" in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er wurde befördert durch die Tatsache, dass der englische Begriff 'borders' in den schottischen Sprachgebrauch Eingang fand. So ist er heute auch für die südöstlichste Verwaltungsregion "Scottish Borders" gebräuchlich. Zudem war damit eine begriffliche Einheit gefunden worden, die sich touristisch gut vermarkten läßt.
Als David noch als "Mark-" Graf mit der Gründung von Selkirk begann, lag die Abtei inmitten seines Machtbereichs. Mit der Verlagerung nach Kelso rückte sie noch dichter an Davids Lieblingsresidenz Roxburgh Castle heran. Die Lage wurde noch zentraler. Dryburgh, Melrose und Jedburgh, die nur wenige Meilen auseinander lagen, befinden sich gleichfalls im Zentrum von Davids ursprünglichem Machtgebiet, dessen Nordgrenze am Forth und dessen Südgrenze irgendwo vor den Toren von Newcastle lag. Zu Grenzlandabteien wurden sie erst lange nach Davids Herrschaft und nachdem Northumberland und Cumberland (der südliche Teil des alten Cumbria) wieder an England gefallen waren.
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| Südgrenze von Davids Herrschaftsgebiet mehr oder weniger schematisch. Im Westen reichte der südliche Teil Cumbrias südlich des Solway Firth weit über Carlisle hinaus nach Nordengland hinein, im Osten erstreckte sich Lothian weit über Berwick hinaus nach Süden bis vor die Tore der englischen Grenzfestung Newcastle. |
So gesehen ist alles, was im Zusammenhang mit den Abteien hinsichtlich ihrer Funktion als Zentren der Demonstration von Macht und Herrlichkeit gegenüber dem englischen Nachbarn gesagt wird, zumindest für die Frühzeit der Abteien deutlich zu relativieren. Möglicherweise werden auch solche Überlegungen eine Rolle gespielt haben. Einige Indizien sprechen sogar ausdrücklich dafür. So hat David für den Bau seiner Abteien wiederholt Personal von der "Dombauhütte" York abgeworben und für die personelle Ausstattung seiner Zisterzienserklöster griff er nicht etwa auf das kontinentale Mutterhaus zurück, sondern warb Klosterbrüder aus dem englischen Rievaulx ab - beide Orte lagen nur wenig südlich der Grenzen von Davids Herrschaftsbereich.
Betrachtet man den Begriff 'Border Abbeys' dennoch unter dem Aspekt "Grenzlandabteien" (was sie ja in späteren Jahren durchaus waren), so muss man feststellen, dass die vier genannten Abteien zwar in den schottischen 'Marches', den Marken, also auf der schottischen Seite des Grenzgebietes liegen, sie repräsentieren aber nur die Eastern Marches. Die großen Abteien der Western Marches fallen dagegen nicht unter den heutigen Begriff - egal, ob sie wie Dundrennan, Glenluce oder Sweetheart mit erheblichen Substanzresten erhalten blieben, oder, ob sie wie z.B. Holywood, Soulseat und Tongland bereits früh wieder vergingen, ohne dass touristisch oder bauhistorisch sehenswerte Relikte von ihrer einstigen Existenz künden.
In den Eastern Marches trat bei der Gründung der Mehrzahl der Abbeys David selber in Aktion. Nur Dryburgh wurde von seinem Gefolgsmann Hugh de Morville gegründet. Er war ein Vertreter einer von David ins Land geholten anglo-normannischen Adelsfamilie und hatte als Constable of Scotland unter David eine steile Karriere gemacht. Später trat er auch noch als Gründer von Kilwinning Abbey / Ayrshire (in späteren Jahren der Entstehungsort des schottischen Freimaurertums) in Erscheinung.
In den Western Marches hat David selbst nur eine Abtei, Dundrennan, gegründet. Alle anderen - auch die vergangenen Abbeys - sind dagegen Gründungen durch Davids Gefolgsleute, wie z.B. die von David erstmals eingesetzten Lords of Galloway (Roland für Glenluce) und ihrer Erben bis hin zu Devorguilla, der späten Gründerin von Sweetheart Abbey. Sie alle belegen, dass Davids Konzept der Landeserschließung mit den drei Säulen:
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1. Pionierarbeit durch die Klostergemeinschaften |
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2. gleichzeitiger Integration des ansässigen, teils autonom |
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regierenden einheimischen Adels |
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3. der Ansiedlung "ausländischer" Familien auf neu erschlossenem |
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Pionierland |
langfristig erfolgreich war. Die Border Abbeys stehen für die erste Säule, die Lords of Galloway mit ihren teilweise weitreichenden Sonderrechten, wie sie sonst nur dem König selbst zukamen (etwa das Recht zur Einsetzung eigener Bischöfe) vertreten die zweite Säule, Hugh de Morville repräsentiert die dritte Säule der neuen anglo-normannischen Führungsschicht.
So gesehen stehen die Border Abbeys für weit mehr, als nur für ein Stück schottischer Kirchengeschichte. Sie markieren einen ersten Schritt der schottischen Identitätsfindung und in Richtung auf die Bildung eines schottischen Staatswesens, die mehr als 200 Jahre später nach Robert The Bruce ihren Abschluss findet. Für diese Zeit und die Jahre danach sind die Abbeys dann tatsächlich das, was heute allzu häufig und oftmals unbegründet in den Vordergrund gestellt wird, wenn die Rede auf die Border Abbeys kommt: Geistige Bollwerke gegenüber dem englischen Nachbarn und weithin sichtbar dokumentierter Ausdruck des neuen schottischen Nationalbewusstseins.
Das war der Entwicklung des schottischen Staatswesens und des dazugehörigen Nationalgefühls sicherlich förderlich, den Abteien selbst ist es weniger gut bekommen. Sie wurden zur Zielscheibe erst englischer, dann britischer Aggression und erlitten fast allesamt entsprechende Zerstörungen. Trotzdem gilt es der Fairness halber eines festzuhalten: Das englische/britische Augenmerk galt den Klostern als Institution und Wirtschaftsbetrieb, weniger den Klosterkirchen, von denen viele auch noch nach der Reformation und den späteren britischen Übergriffen des 17. und 18. Jahrhunderts als Gemeindekirchen Bestand hatten.
Es war auch nicht so sehr, der für seine diversen Kulturfrevel ansonsten durchaus zu Recht gescholtene Oliver Cromwell (oder seine marodierenden Haufen), der den Abbeys "den Rest gab". Der größte Teil der Zerstörungen entstand als Folge einer schleichenden, teils sogar ausdrücklich gebilligten und geförderten Nutzung als Steinbrüche im 18. und 19. Jahrhundert. Aber diese Entwicklung war durchaus zeitgemäß: Es waren die Jahre, in denen z.B. auch die Hamburger Pfeffersäcke ihren Dom verkauften und abreißen ließen, weil er ihrer Vorstellung von einer modernen Stadtentwicklung schlicht und ergreifend "im Wege stand".
Die Abbeys in Einzeldarstellungen
Kelso Abbey
Die Abtei wurde ursprünglich 1113 als eine Tironenser Klostergemeinschaft im benachbarten Selkirk gegründet. Nachdem aber David I den Thron bestiegen und die Herrschaft über ganz Schottland angetreten hatte, verlagerte er die Abtei 1128 auf Empfehlung seiner Ratgeber in die Nähe seiner Lieblingsresidenz Roxburgh Castle. Dieser Akt macht ebenso wie die Ausstattung des Klosters mit weitläufigen Ländereien die herausragende Stellung der Abtei deutlich. Ihr unterstanden zudem zahlreiche Prioreien, von denen die gleichfalls von David gegründete Priorei Lesmahagow mit ihren Bergbauaktivitäten sicherlich die wirtschaftlich bedeutendste war.
Die Tironenser waren zu der Zeit eine sehr junge, aber höchst agile Ordensgemeinschaft, die schnell in ganz Europa zu großem Reichtum gelangt war. Angesichts dieser europaweiten Verbindungen des Ordens wundert es nicht, dass Kelso mit seinen zwei Querschiffen einen Bautyp repräsentiert, der zwar aus England stammt (Ely u.ä. Kathedralen), der aber auffallend häufig im Rheinland zu finden ist. Das ist vom Besucher vor Ort heute nur noch schwer feststellbar, aber Belege in den vatikanischen Archiven belegen eindeutig die Eigenheit des Baus, an dem in der ersten Phase wohl mindestens rund 75 Jahre gearbeitet wurde. Erhalten blieben jedoch nur marginale Reste des kleineren West-Querschiffes und des Westportals.
1316 wurde nach schweren Beschädigungen die Abtei, d.h. die Funktionsgebäude neben der Abteikirche, praktisch neu aufgebaut. Zwischen 1523 und 1545 versuchten englische Truppen, die Abtei ganz systematisch zu zerstören. Zu Beginn der Reformation 1560 repräsentierte die einst stolze Abtei kaum mehr als ein verzweifelt um die Existenz ringendes Häuflein Mönche. Nach der Säkularisation gelangte die Abtei mit ihrem immer noch beträchtlichen Grundbesitz in die Hände der Familie Kerr, die die Earls and Dukes of Roxburghe stellte. Die Familiengräber befinden sich überwiegend im umfangreich sanierten Teil der Ruine.
Die Abteiruine liegt heute mitten im Ort und nicht mehr wie bei ihrer Gründung abgeschieden in natürlicher Umgebung, die es zu kolonisieren galt.
Dryburgh Abbey
Dryburgh wurde 1150 von Hugh de Morville, einem Gefolgsmann David I als Praemonstratenser Abtei gegründet, die bald darauf mit Chorherren aus Alnwick / Northumberland besiedelt wurde.
Das beeindruckende Erscheinungsbild der Ruine inmitten eines parkähnlich gestalteten Umfeldes erklärt sich aus der Tatsache, dass Dryburgh Abbey schon 1785 zum Teil von David Stewart Erskine's "Caledonian Temple of Fame" wurde. Der 11. Earl of Buchan erwarb die verkommene Ruine und gestaltete den ehemaligen Familienbesitz zur heutigen Parklandschaft um. Das Kapitelhaus mit seinen noch gut erkennbaren mittelalterlichen Ausmalungen war das Herzstück des "Caledonian Temple of Fame" und ausschließlich dem Gedenken an große Persönlichkeiten der schottischen Geschichte vorbehalten.
Die Abtei wurde bereits im 13. Jh. zweimal vollkommen zerstört. Zum letzten Mal wurde sie bis auf die ausgesparte Kirche 1544 von englischen Truppen in Schutt und Asche gelegt und wurde danach nie mehr vollständig aufgebaut. Dafür hat die Kirche am stärksten von allen Border Abbeys in der nachreformatorischen Zeit gelitten. Sie wurde systematisch als Steinbruch genutzt und bis auf die heutigen Reste abgetragen.
In einer Kapelle der Ruine des nördlichen Querschiffes befinden sich die Grablegen zweier bekannter schottischer Familien. Hier ruht Field Marshall Douglas Haig, dessen Familie im Gefolge von Hugh des Morville in die Borders kam und die Haliburtons mit einem ihrer berühmtesten Nachfahren, dem Dichter, Schriftsteller und Jurist Sir Walter Scott sowie weitere Familienangehörige.
Melrose Abbey
Die Zisterziensergründung David I von 1136 zeigt deutlich das Grundmuster alter Benediktinerabteien, dies jedoch mit einer entscheidenden Ausnahme:
Entgegen der ungeschriebenen Regel liegt hier die Abteikirche auf der Südseite des allseits umbauten Kreuzgangs, dem Refectorium unmittelbar gegenüber.
Im 14. Jahrhundert wurde die alte Abtei im Zuge der schottisch-englischen Auseinandersetzungen mehrfach schwer beschädigt und schließlich weitgehend zerstört. Die heutige Ruine basiert auf dem Neubau der Klosterkirche, die nach der Zerstörung durch Richard II 1385 erforderlich wurde. Sie zeigt reicheres Schmuckwerk, als es für die älteren Zisterzienser Abteien üblich ist. Dabei waren ganz offensichtlich mehrere Baumeister beteiligt, die in enger Verbindung mit dem Bau der Kathedrale von York stehen und im Rahmen verschiedener Wiedergutmachungsaktionen und -stiftungen von Richard II selbst abgestellt wurden. Um 1420 hat sich John Morow mit mehreren Inschriften "verewigt", ein bekannter Baumeister schottischer Abstammung, der zuvor insbesondere in Paris gewirkt hatte.
Den vergleichsweise guten Erhaltungszustand verdankt die Ruine der respektgebietenden Tatsache, dass innerhalb des Klosterbezirks das Herz von Robert the Bruce bestattet liegt. Ein moderner Gedenkstein erinnert an diesen Umstand, bezeichnet aber nicht die Grablege. Ein entsprechendes Bleibehältnis war bereits 1921 entdeckt, gleich darauf aber im Kapitelhaus wieder beigesetzt worden, wo man es während der Ausgrabungen im Sommer 1997 wiederfand. Geschützt durch ein modernes Metallgefäß hat man es bald darauf erneut im Bereich der Abtei beigesetzt. Mit Alexander II ruht zudem ein weiterer, bedeutender König in dieser Abtei, die durch zahlreiche königliche Schenkungen bis weit nach Ayrshire hinein mit 'granges' (Klostergütern) ausgestattet war.
Melrose Abbey, deren erster Abt Davids Sohn "St" Waltheof war, profitierte auch später wie kaum eine zweite Abtei von königlichen Schenkungen. Einer ihrer großzügigsten Förderer war kein geringerer als Robert The Bruce, der sie reich für die durch Engländer während der Freiheitskriege erlittenen Schäden entschädigte.
Auffallend an Melrose sind die umfangreichen Baukomplexe für die Laienbrüder. Sie, die weniger Kirchendienst verrichteten, länger ruhen durften und deutlich besser verpflegt waren, trugen die Hauptlast der wirtschaftlichen Aktivitäten des Klosters, insbesondere beim Ackerbau und den Rodungen.
Jedburgh Abbey
1138 erfolgte die Gründung einer ersten Priorei durch David I etwas abseits des heute sichtbaren Klosters in Old Jedburgh, doch erst 1154 (ein Jahr nach Davids Tod) erhielt das Augustiner Chorherrenstift den vollen Status einer Abtei.
Es war nicht die größte, aber eine der bestausgestatteten Abteien. Mit Blantyre, Canonbie und Restennet gehörten die wichtigsten Augustiner Prioreien des Landes zu ihren Filialen. Zumindest während der ersten Jahre der königsgleichen Herrschaft Davids über Südschottland diente die Gelehrtenschule Jedburgh als "Kaderschmiede" in seinem Reich. Dies spiegelt sich einerseits im vergleichsweise reichen und exakt gearbeitetem Schmuck der Abteikirche, aber auch im Verhältnis der Bauvolumen von Abteikirche zu den Nebengebäuden wieder. Dies wird in der heutigen Situation gar nicht mehr deutlich, weil die Nebengebäude zum Teil ein halbes Geschoss, teilweise sogar noch tiefer ins Erdreich ragen.
Vom wechselvollen Auf und Ab der Abtei künden eindrucksvoll die Überreste des Kapitelhauses. Die bescheidene Ausmaße des jüngsten Baus wollen so gar nicht zu den übrigen Dimensionen der Abtei passen. Sie belegen aber, dass nach den diversen Zerstörungen der Abtei, der Wiederaufbau immer nur im absolut erforderlichen Mindestrahmen erfolgte und nicht in Anlehnung an die ursprünglichen Dimensionen und Massenverteilungen.
Die Klosterkirche von Jedburgh liefert indirekt den Beweis, dass die oft beschworenen Zerstörungen der Border Abbeys in aller Regel nur die Wirtschafts- und Wohngebäude der Abtei betrafen, nicht aber die Abteikirche. Als die Abtei im Zuge der Säkularisierung nach der Reformation 1606 in die Hände jenes Zweiges der Familie Kerr gelangte, der die Herren des Earldoms and Marquisate of Lothian stellte, kam jegliches Klosterleben einschließlich aller Aktivitäten in der Mönchskirche zum Erliegen. Der Kirchenbau war allerdings noch so weit intakt, dass der Westchor ohne größere Sanierungsarbeiten noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts als Gemeindekirche Jedburghs genutzt werden konnte. Erst danach stellte sich der heute sichtbare Baubefund ein.
Nach Abriss der Industrieanlagen aus dem 18. Jahrhundert östlich der Klosteranlage konnten im Zuge der archäologischen Ausgrabungen einmalige Befunde zur technischen Ausstattung der großen Abteien, hier insbesondere der Wasserver- und Entsorgung aus dem Jed Water gewonnen werden.
Dundrennan Abbey
Es ist nicht zweifelsfrei klar, ob es David I selbst oder sein Gefolgsmann Fergus Lord of Galloway war, der 1142 - knapp 19 Jahre nach der Gründung von Selkirk und 16 Jahre nach der Verlagerung nach Kelso - die Zisterzienserabtei in Dundrennan gründete. Wahrscheinlich kamen auch hier die ersten Mönche aus Rievaulx - zumindest sprechen die dokumentierte Reisediplomatie des Rievaulxer Abtes zu der Zeit wie auch die Nachfolge des ersten Dundrennaner Abtes als Abt von Rievaulx dafür, dem mindestens ein weiterer Klosterbruder aus Dundrennan in der Leitungsfunktion von Rievaulx nachfolgte.
Wie auch immer, Dundrennan wurde schnell die wichtigste Abtei der Western Marches, überlebte zusammen mit dem Tochterkloster Glenluce als einzige die zeitlich mehr oder weniger parallelen Gründungen wie Soulseat, Holywood und Tongland. Diese vergingen ganz offensichtlich als Folge mangelnder wirtschaftlicher Tragfähigkeit der Region rasch wieder. Dundrennan dagegen betrieb einen Hafen bei Burnfoot und kontrollierte von hier aus praktisch den Europahandel der schottischen Zisterzienserklöster. Dundrennan reklamierte zwar mehrmals Entschädigungszahlungen bei den englischen Königen für erlittene Beschädigungen der Abtei und Landverluste in Irland als Folge des schottischen Unabhängigkeitskrieges, hat aber ganz offensichtlich nur wenig im Vergleich zu den anderen Border Abbeys gelitten.
Von der Abteikirche blieben nur wenige Reste der Westfassade erhalten, ferner Rudimente der Nebengebäude in einem für den Laien kaum noch interpretierbaren Nebeneinander von Mauerfundamenten. Wichtigster Baubestandteil neben der Ruine der Klosterkirche ist dabei das Kapitelhaus, das im Gegensatz zu dem stark verkleinerten Kapitelhaus von Jedburgh noch die Größe der einstigen Abtei belegt.
Deutlich wird aber eines. Die Abteien der Western Marches waren weitaus weniger gut ausgestattet als die der Eastern Marches. Sichtbar wird dies an konstruktiven Details: Natürliche Feldsteine dominieren bei den Mauerfüllungen und kaum bearbeitete - im Original zumindest wohl aber teilweise verputzte - Bruchsteine bilden das Blendwerk.
Anders als bei den Abteien in heutiger, kleinstädtischer Lage -wie insbesondere Kelso und Melrose- wird die Lage und Funktion der Abtei als siedlungstechnische Pionieranlage, wie sie für so viele Zisterzienserabteien charakteristisch ist, besonders augenfällig. In keinem zweiten Fall wird zudem im Umfeld die Wirkung der Zisterzienser als Kolonialisten so deutlich: Soweit das Auge reicht, prägt kultiviertes Land das Umfeld der Abtei.
Queen Mary verlebte in der Abtei ihre letzte Nacht auf schottischem Boden. Vielleicht ist darin auch die Ursache zu sehen, warum man mit der Abtei nach der Säkularisierung des Klosters im Jahre 1606 erst einmal "bedachtsamer" umging als mit anderen Border Abbeys. Nach vorübergehender Verwaltung durch die ortsansässigen Familien Maxwell und Muray wurde der Klosterbesitz Dundrennan 1621 der Royal Chapel von Stirling zugeschlagen - was allerdings die Nutzung als Steinbruch in den folgenden Jahrzehnten nicht verhinderte.
Glenluce Abbey
Nach 1190 (wahrscheinlich aber schon 1191/1192) von Roland of Galloway, der zu dieser Zeit Constable of Scotland war, als Filialkloster zu Dundrennan gegründet, ist Glenluce die kleinste der erhaltenen Border Abbeys. Zu keinem Zeitpunkt haben wohl mehr als 15 Mönche die Abtei besiedelt. Sie war wohl auch immer eine der ärmsten Zisterzienserabteien in Schottland.
Über die Jahrhunderte des Zerfalls hat sie zudem die stärksten Schäden davongetragen. Unbeschadet der Bindungen der anderen Border Abbeys an einzelne Adelshäuser ist sie zuerst als Hauskloster der Galloways anzusprechen. Glenluce hatte nicht mehr so sehr die außenpolitische Orientierung der Abbeys der Eastern Marches. Viel mehr nahm sie die binnenkoloniale Funktion von Sweetheart Abbey vorweg.
Die bautechnische Ausführung ist wesentlich schlichter, erinnert unter manchen Aspekten eher an einen großen Wirtschaftshof, denn an ein Kloster. So sind auch hier die Fassaden mit ortsüblichen Bruchsteinen verblendet, ohne das Farbenspiel sorgfältig bearbeiteter Sandsteine wie in Kelso oder Jedburgh. Nur Sichtkanten, Tür- und Fensterfassungen sind betont und Arkaden sind nicht gewölbt, sondern nur von schlichten Pultdächern gedeckt.
Ein technisch höchst interessantes Detail, dass an diesem Standort überdauert hat, ist die konstruktive Lösung der Wasserversorgung mit zugehörigem Leitungsnetz und der Mechanik zur Regulierung des Wasserdurchflusses.
Sweetheart Abbey
Auch bekannt als New Abbey steht für das Ende der Phase großer Klostergründungen in den Marches. Die deutlich im Stile des Early English errichtete Abtei, war die letzte Zisterziensergründung auf schottischem Boden. Die Klosterkirche ist, bis auf wenige bauliche Ergänzungen nach einem Brand im 14. Jahrhundert, weitestgehend im Originalzustand erhalten.
Gegründet wurde sie 1273 als Tochterkloster zu Dundrennan von Devorguilla, der Ehefrau John Balliols, die hier nach ihrem Tod mitsamt dem einbalsamierten Herzen ihres Gemahls bestattet wurde. Dies brachte der Abtei dann auch den prosaischen Namens ein.
Im Jahre 1308 reklamierten die Mönche zwar bei Edward I einen überaus großzügig kalkulierten Schaden von 5000 Pfund durch die Zerstörung der umliegenden Klostergüter (granges), für den sie aber nie einen Ausgleich erhielten. Sie erwirkten aber mit ihrem Protest die Androhung des päpstlichen Bannes gegen Edward I, sollte er die Abtei und ihren Besitz erneut angreifen oder sonstwie schädigen.
Diesem Umstand war es wohl zu verdanken, dass die gesamte Abtei bis ins 18. Jahrhunderts zwar ohne Dach ansonsten aber nahezu unversehrt bestand. Erst 1770 wurde sie als Steinbruch verkauft, bevor eine Gruppe von Bürgern die Abtei wieder erwarb und als eine der frühesten denkmalpflegerischen Aktivitäten dem zerstörerischen Treiben ein Ende setzte. Unglücklicher Weise waren die Funktionsgebäude der Abtei zu diesem Zeitpunkt bereits bis auf die Grundmauern abgetragen.
Eine Besonderheit ist das original erhaltene Gewölbe des südlichen Querschiffes der Abtei. In diesem Teil der Klosterkirche befindet sich heute das wieder hergestellte (wenngleich kopflose) Grabdenkmal der Devorguilla, das die Gründerin mitsamt dem Gefäß zeigt, in dem sie das Herz ihres Gemahls jahrelang verwahrt und mit sich getragen hatte.
Im historischen Kontext kommt Sweetheart von allen Border Abbeys am stärksten auch eine neue Funktion zu. 160 Jahre nach der Gründung der ersten Border Abbey durch David I entsteht sie noch weniger als die anderen Abteien als geistiges Bollwerk gegen die Engländer. Im Umfeld einer geistigen und politischen Bewegung, die unmittelbar auf die Entstehung der 'nacio scottorum' gerichtet ist, also auf die Entstehung eines eigenständigen schottischen Staatswesens mit einer eigenen nationalen politischen Identität zielt, wird die Abtei zum Zentrum der Binnenkolonisation der Western Marches und weit darüber hinaus. Von Sweetheart aus wird das gesamte Nithsdale für das "schottische Reich" kolonisiert, das bisher von einer eigenen Dynastie regiert wurde. 40 Jahre später kommandiert der bekannteste Nachfahre dieser Dynastie als Constable of Scotland den linken Flügel der Armee seines Onkels Robert The Bruce bei Bannockburn.
Das Einflussgebiet Sweethearts reicht weit über die Marches nach Nordwesten. Sie wetteifert in Ayrshire mit der Abtei von Paisley und ihrer Filiale Crossraguel lange um die Vorherrschaft bis zu der Zeit, da man beide Abteien im Widerstand gegen die Reformation vereint sieht. Im Norden kontrolliert sie mit ihren 'granges' lange Zeit weite Teile Lanarkshires, Renfrewshire und angrenzende Gebiete und damit so zu sagen die schottischen Kernlande, in denen die führenden Personen der ersten Stunden der "nacio scottorum" letztlich allesamt ihre Wurzeln hatten: Balliol, Wallace und Robert The Bruce.
Anmerkungen
Es gibt im Internet eine ganze Reihe und teils sehr gute Seiten in englischer Sprache zum Gesamtkomplex. Wegen der besonderen Rolle der Zisterzienser verweisen wir hier nur auf die Seiten des "Zisterzienser-Projektes" der Universität Sheffield, die viele weitere Details zu den angesprochenen Abbeys des Ordens, daneben aber auch ein englisches Glossar zum Themenfeld Zisterzienserklöster enthält. Da das Projekt neben dem UK insgesamt auch Irland beinhaltet, bietet die Seite zudem hervorragende Möglichkeiten zu Quervergleichen mit der Situation in England, Wales und Irland.
http://cistercians.shef.ac.uk/abbeys/
Alle vorstehend beschriebenen Abbeys befinden sich heute als Kulturdenkmale in der Obhut von Historic Scotland. Kelso, Melrose, Dryburgh und Jedburgh sind täglich zugänglich, für Dundrennan, Glenluce und Sweetheart bestehen in den Wintermonaten Einschränkungen. Kelso ist gebührenfrei zugänglich, bei den anderen Abteien beträgt die Standard-Eintrittsgebühr zwischen 2,00 und 4,50 GBP pp.. Einzelheiten finden sich auf der Historic Scotland Website.
http://www.historic-scotland.gov.uk
(tsp/ws/kba)
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