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| Melsetter House und sein Architekt |
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Er war Engländer … na und?
Außerhalb Englands ist er nur in engsten Fachkreisen bekannt … was seiner Leistung keinen Abbruch tut!
Er war in aller erster Linie Theoretiker … der Abstract zu einer Arbeit von Deborah van der Plath über "Die Suche nach einer praktischen Ästhetik - Die Versöhnung von Kunst und Wissenschaften in den Architekturschriften von William Richard Lethaby (1857-1931)" liest liest sich denn auch wie folgt:
Mit der Definition von Kunst und Architektur als "etwas gut zu machen, was gemacht werden muss" war der englische Architekt und Theoretiker William Lethaby (1857-1931) der Ruskin´schen Theorie des Machens und der damit verbundenen moralischen Ästhetik verhaftet. Mit der Behauptung, dass Architektur sowohl 'Wissenschaft', als auch 'Kunst' repräsentieren soll, hat Lethaby indes ein Architekturkonzept entwickelt, das die moralische Orthodoxie im Ruskin´schen Modell offensichtlich abschwächt. Aus dieser Kultivierung einer synkretischen und ein wenig ambivalenten Architekturthese erwächst eine neue praktische Ästhetik.
Warum dann etwas über diesen Mann und sein Werk auf einer Schottland-Seite?
Dafür gibt es zwei ganz wichtige Gründe:
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1. In fortgeschrittenem Alter hat er dem ein theoretisches Gerüst |
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gegeben, was führende schottische Architekten wie David Bryce zur Zeit von Lethaby's jungen Jahre in Ansätzen praktisch vorexerziert hatten. |
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2. Von den wenigen Arbeiten, in denen er sein theoretisches Konzept |
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selbst praktisch umsetzte, stehen die zwei wichtigsten in Form kompletter Gebäude bzw. Gebäudeensemble in Schottland: Rysa Lodge, ein unscheinbar wirkendes Pächter Cottage an der Ostküste der Inseln Hoy und Melsetter House, das ehemalige Herrenhaus der Moodies im Südosten der Insel Hoy. Lethaby baute das Haus im Auftrag des neuen Besitzers, des Industriellen Thomas Middlemore und seiner Frau Theodosia Mackay zum heutige Manor House aus. Melsetter ist "das" Referenzobjekt für Lethaby's praktisch-schöpferische Arbeit, das Eingang in die moderne Architekturliteratur gefunden hat. Bei einem dritten Objekt auf Orkney, Westness House, dem ehemaligen Verwaltersitz des Trumland Estate auf der Orkneyinsel Rousay, hat Lethaby dann noch einmal wesentliche Teile der Innenausstattung gestaltet. |
"Während wir unsere Augen im Bemühen um stilistische Korrektheit reichlich strapaziert haben, vergaßen wir wir viel wichtigere Aspekte von Konstruktion und Wirtschaftlichkeit des Bauens. Wir brauchen Kamine, die wirklich wärmen, Flure, die sich leicht reinigen lassen und Decken, die nicht zusammenbrechen. Dies und ähnliche Fragen sind die Fragen der modernen Architektur und indem wir sie beantworten, werden wir auch einen angemessenen "Stil" für unsere Zeit finden" (nach Lethaby, 'Architecture as Form in Civilisation').
Funktionalität, gute "handwerkliche" Qualität und Gefälligkeit lauteten seine Forderungen. Gefälligkeit war aber das, was sich über eine althergebrachte künstlerische und kunsthandwerkliche Tradition bewährt hatte. Hier knüpfte er praktisch wie theoretisch an das Schaffen des englischen Designers William Morris an. Architektur war für Lethaby Wissenschaft und Kunst: Aus den wissenschaftlichen Aspekten waren die Konsequenzen hinsichtlich Funktionalität und Effizenz des Bauens zu ziehen, aus dem traditionellen künstlerischen Schaffensakt die Konsequenzen hinsichtlich Gestalt und Formenschatz. Die "Gefälligkeit" bildete die Schnittstelle: Wohlgefällig, schön für das Auge des Betrachters, wohlgefällig, "bequem und anheimelnd" für den Nutzer. In diesem Sinne lehnte er den konstruktivistischen Ansatz und die radikale Abkehr von traditionellen Formen, wie sie etwa die Bauhaus-Schule in Deutschland vertrat, grundsätzlich ab.
Lethabys Spätwerk wurde hinsichtlich der gestalterischen Prinzipien von den Arbeiten des Deutschen Wilhelm Worringer und insbesondere von dessen "Formprobleme der Gothik" bestimmt. Von Worringer übernahm er aber zugleich auch die Forderung nach einer sozialverantwortlichen Architektur, die sich an den spezifischen Erfordernissen der Zeit zu orientieren hat und Notfalls durch das "Experiment" ihre letztendliche Form findet. In der planerischen Praxis wurde das Experiment von Lethaby durch einen intensiven Dialog mit dem Bauherrn ersetzt, in dessen Verlauf der Entwurf mehrfach überarbeitet und so schrittweise optimiert wurde.
Melsetter House
Für jeden "normalen" Bauherrn wäre Lethaby ein "höchst anstrengender" Vertragspartner gewesen, der manchen Bauherrn an den Rand der Verzweifelung getrieben hätte. Um so glücklicher war der Umstand, dass Thomas und Theodosia Middlemore als Schüler von Morris eine ganz ähnliche Vorstellung vom schöpferischen Produktionsprozess hatten. Nachdem sie Lethaby als Architekten gewonnen hatten (tatsächlich mussten sie den Theoretiker regelrecht zur Auftragsannahme überreden), ließen sie ihm hinsichtlich der Entwurfsgestaltung vollkommen freie Hand - und sich selbst auf das Experiment ein.
Wer nun als Ergebnis einen der herrschaftlichen Landsitze im neogothischen Stil erwartet - so wie sie zeitgleich dutzendfach auf den Britischen Inseln entstanden -, der sieht sich in seinen Erwartungen getäuscht. Äußerlich blieben vom gothischen Formenschatz nur drei Elemente:
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vor allem die Fensterproportionen und -fassungen, |
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weiterhin einige schlanken Giebel (davon einige als 'crowstepped' |
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Treppengiebel) und |
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ganz wenige, vergleichsweise schlichte Zierelemente wie zwei kleine |
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herzförmige Fenster, Stern und Halbmond auf der nüchternen Putzfassade. |
In der Innenarchitektur reduzieren sich die Zitate gothischen Formenschatzes neben wenigen Kaminfassungen und einem Wappenfries vor allem auf das Mobiliar und die Wanddekorationen, die zum Teil nach Entwürfen von Lathaby und der beiden Middlemores in den Morris-Werkstätten gefertigt worden waren.
Im Ergebnis entstand dadurch eben nicht ein mehr oder weniger geglückter Nachbau eines gothischen Gebäudes, sondern ein zeitgemäßer, moderner Zweckbau, zu dessen Detailgestaltung man allerdings auf wenige wohlvertraute und gefällige Elemente zugriff, so dass einerseits ein der wirtschaftlichen Stellung angemessen repräsentativer Bau entstand, der andererseits geradezu anheimelnd wirkte. Mae Morris, die als Freundin der Middlemores mehrfach im Melsetter House weilte, formulierte es einmal in einem Brief an den Vater so:
"A sort of fairy palace on the edge of the northern sea, a wonderful place, remotely and romantically situated, with its tapestries and its silken hangings and its carpets; for all its fineness and dignity is was a place full of homeliness and the spirit of welcome, a very loveable place. And surely that is the test of an architects genius; he built for home life as well as dignity."
Der sozialen Verantwortung des Architekten gegenüber dem Bauherrn wäre damit sicherlich Genüge getan. Allein Lethabys Anspruch auf "Egalität" aller Nutzer und Bewohner eines Hauses ging darüber hinaus. Bewohner des Hauses waren in seinem Verständnis eben nicht nur die Bauherrenfamilien, sondern auch deren Personal. Seine Verantwortung gegenüber diesem Bewohnerkreis dokumentiert sich in einem scheinbar nebensächlichen Punkt: Das ganze Haus ist unter dem Aspekt möglichst kurzer Wege zwischen den Unterkünften des Bediensteten im Haus, den Funktionsräumen wie Küche und Lager einerseits und den Wohnräumen der "Herrschaft" andererseits, geradezu optimiert. Zumindest unter diesem Aspekt sollte der Faktor "Arbeit im Haus" für alle Beteiligten so bequem wie eben möglich organisiert werden können. Ganz entgegen dem Trend der Zeit sind die Personalräume nicht in abseitsgelegene Seitenflügel, deren Dachgeschosse oder Kellerräume verbannt. Mehr noch: Die Fenster der Personalunterkünfte sind zwar kleiner, teilen sich aber mit den Fenstern der "Herrschaft" den Blick auf die Prachtstücke der Außenanlage.
Unter teilweiser Einbeziehung des alten, wohl T-förmigen Vorgängerbaus (der Teil des Südflügels, in dem sich die Library und der Chintz Room befinden ergänzt um die Baumasse der aus dem Abrissgut errichteten Chapel) entstand ein Grundriss, der die Zeitgenossen Lethabys mehr als irritierte. Der gesamte Neubau besteht im Wesentlichen aus drei Ebenen (Basement, Eingangsgeschoss und Obergeschoss) mit einem modifizierten Z-förmigen Grundriss. Das Basement liegt aber unter Ausnutzung der natürlichen Geländesituation nur teilweise und flach im Erdreich, das Eingangsgeschoss liegt quasi als Hochparterre darüber. Das Basement beherbergt sämtliche "schmutzträchtigen" Funktionsräume, insbesondere die Küche, die zugehörigen Lager und die Servants Hall als hauptsächlichen Aufenthalts- und Arbeitsraum des Hauspersonals; nur die Näh- und Wäschezimmer befinden sich den Gästezimmern und Schlafräumen zugeordnet im ersten Obergeschoss. Im Südflügel liegen die Privatzimmer des Hausherrn-Ehepaares, die aufgehenden Geschosse des Mitteltraktes und des Nordflügels nehmen die Gästezimmer und übrigen Funktionsräume auf.
Intern wird das Gebäude durch zwei "Treppenhäuser" erschlossen. In der klassischen Aufteilung wären dies die Personaltreppe (im Nordflügel) und das Treppenhaus der Herrschaft und ihrer Gäste im Südflügel gewesen. Lethaby verbindet aber die Treppenhäuser auf allen Ebenen über Flure. Selbst vom 2. Obergeschoss des Nordflügels, in dem sich die meisten Personalunterkünfte befinden, gibt es über das Dach des Mitteltraktes eine Verbindung zu den Räumen der Herrschaft. Das System der bis dahin üblichen "Zwangswege" für Personal und Hausherren war dadurch aufgebrochen: Herrschaft und Personal konnten ganz wie es die Situation erforderte, von einem Teil des Gebäudes in einen anderen wechseln.
Dadurch schuf sich Lethaby die Freiheit, die normalerweise als Bindeglied zwischen den Treppenhäusern liegende Servants Hall im Basement unter den Südflügel zu verlagern, so dass die Küche mit ihren Nebenräumen genau unter dem Speisesaal und der benachbarten Anrichteküche zu liegen kam. Ein Speiseaufzug ersetzte die Laufwege der Dienerschaft. Zugleich kommen dadurch Küche und Service Hall - für die Zeit absolut unüblich - in den vollen Genuss von Tageslicht. Besonders deutlich wird dies bei einem Blick auf die Ostfassade, die das Gebäude in den entscheidenden Teilen insgesamt als nahezu vollwertige drei- bzw. viergeschossige Anlage erscheinen lässt.
Der Blick auf die Ostfassade macht eine weitere Besonderheit deutlich: Es gibt zwar die Grundgliederung in Basement, Eingangsgeschoss und Obergeschoss, doch durch die Einbeziehung des Altbaus (links) entstehen in dem für den Hausherrn reservierten Teil des Gebäudes zwei Geschosse auf jeweils halber Höhe zwischen Basement und Eingangs- bzw. Eingangs und Obergeschoss. Ein ähnliches Element baut Lethaby im Nordflügel ein (rechts). Hier verringert er den Funktions- und Wohnräumen des Eingangsgeschosses die Raumhöhen und gewinnt dadurch in der Vertikalen die erforderliche Höhe für den Einbau vollwertiger, d.h. weitestgehend ohne Dachschrägen auskommender Personalräume (querliegende Fenster). Den dadurch erforderlichen Niveauausgleich schafft er durch wenige Stufen im Flur des Obergeschosses im Übergang vom Nordflügel zum Zwischentrakt.
Durch diese allein an der Funktionalität orientierte Spiel mit Niveaus und Geschosshöhen reduziert Lethaby die notwendigen Treppenanlagen gegenüber einer starren Geschossgliederung um rund 30%, schafft somit eine ganz wesentliche Erleichterung der Arbeitsbedingungen des Personals. Gleichzeitig nimmt er aber dem Bauherrn damit die Chance auf die Anlage eines in der Zeit so beliebten, aufwendig gestalteten Treppenhauses zur Repräsentation. Den Bauherrn haben zwei ganz wesentliche Aspekte getröstet, wie wir aus dem erhaltenen Schriftwechsel wissen: Einmal eine nicht unbedeutende Einsparung bei den Baukosten, zum anderen die Tatsache, dass die Hall zwar immer noch ein Durchgangszimmer war, aber nicht mehr nur die bloße Umbauung eines Treppenhauses, die als Nutzfläche im Alltagsgebrauch des Hauses praktisch wertlos gewesen wäre.
Lethaby's Blick geht aber noch weiter. Den Winkel zwischen Nord- und Ostflügel des Herrenhauses begrenzt er an der West- und Südseite durch eine Mauer, wodurch ein geschützter Innenhof entsteht. In die Westmauer ist die Ostfassade der Gutskapelle integriert. Einziger Schmuck der schlichten Kapelle, die aus dem Feldsteinschutt des alten Herrenhauses errichtet wurde, ist ein Grabstein aus piktischer Zeit mit einer einfachen Kreuzritzung, den Lethaby in das aufgehnde Mauerwerk neben der Haupttüre der Kapelle integrierte.
Die Gutskapelle selbst, die von allen Bewohnern des Wirtschaftsbetriebes Melsetter House und Home Farm genutzt wurde, wird so zum Bindeglied zwischen Herrenhaus und den 'estate cottages', den Wohnunterkünfte der Farmarbeiter. Diese liegen im Anschluss an die Kapelle auf der Südseite eines internen Wirtschaftsweges, ihnen gegenüber die wichtigsten Wirtschaftsgebäude des Haus- und Hofbetriebes. Einerseits ist damit wieder das Prinzip der kurzen Wege realisiert, andererseits liegen die Wohnünterkünfte der Farmarbeiter im Windschatten, werden gegen die rauhen Nordwinde durch die Wirtschaftsgebäude, gegen die nicht minder unangenehmen Ostwinde durch das Herrenhaus selber abgeschirmt.
Spätesten wenn mann sich diese wenigen Prinzipien vor Augen hält, wird deutlich, wie geradezu revolutionär Lethaby's Architekturverständnis war. Der zwar ältere aber noch Zeitgenosse David Bryce hatte wenige Jahre zuvor Balfour Castle, Balfour Village und Home Farm auf der Orkney Insel Shapinsay geplant und gebaut. Castle, Home Farm und das Dorf für die Farmarbeiter sind ganz in der Tradition eines Robert Adam als einzelne Funktionseinheiten für sich planerisch optimiert, lagen aber wie bei Adam's Culzean Castle und Farm "meilenweit" auseinander. Sie dokumentieren in der strikten Funktionstrennung noch die klassische "Denkweise nach Gutsherrenart". Die funktionale Abhängigkeit wird zunehmend stärker gesehen, das planerische Objekt bildet aber noch keine kompakte funktionale Einheit, geschweige denn, dass sie auch nur im Ansatz der planerischen Gesamtkonzeption erkennen lassen, dass Herrschaft und Bedienstete in letzter Konsequenz eine wechselseitig von einander abhängige Sozialgemeinschaft bilden.
So betrachtet ist Melsetter House nicht nur ein wichtiges Architekturdenkmal auf schottischem Boden, das vom Werk eines der bedeutendsten englischen Architekten zeugt, sondern zugleich ein Beleg dafür, dass im gesamten 19.Jahrhundert und bis ins 20. Jahrhundert hinein, die Sozialgeschichte in Schottland (auch unter dem Einfluss von Vordenkern wie einem Robert Owen) zumindest teilweise in etwas anderen Bahnen verlief als in England.
Touristischer Hinweis
Melsetter House liegt unweit Longhope (Bay) an der Südwestküste der Orkneyinsel Hoy.
Günstigste Fährverbindung: Houton (The Mainland Orkney) - Lyness (Hoy).
Melsetter House kann seit kurzem gegen Voranmeldung besichtigt werden. Aktuelle Detailauskünfte und Kontaktvermittlung über das Büro Stromness (Ferry Terminal) von VisitOrkney.
(tsp/ws)
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